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Carl Maria von Weber

Der Freischütz

Endrik Wottrich, Luba Orgonásová u.a., Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 4509-97758-2
(134 Min.) 2 CDs

„Was wird er damit machen?“ Immer wenn sich Nikolaus Harnoncourt einer unserer Musik-Ikonen annimmt, darf man Bulwer-Lyttons Romantitel anführen. Der widerborstige Dirigent misstraut bekanntlich gefälliger Popularität, und so darf man nach dem „Fidelio“ nun beim „Freischütz“ überaus bedenkenswerte Neudeutungen vor allem der Charaktere und Personenkonstellationen zur Kenntnis nehmen.
Musikalisch verheißt schon die Liaison mit dem renommierten Orchester aus der Uraufführungsstadt dieser deutschesten aller Opern Aufregendes. Die Ouvertüre, Webers Geniestreich als Mikrokosmos des Gesamtwerkes, ist bei Harnoncourt ein psychologisches Tiefe-Schürfen sondergleichen, das alles Dunkel deutscher Wald- und Wolfsschluchtromantik als dämonische Seelenabgründe fern jeder realen Idylle deutet. Und die Philharmoniker folgen willig und kongenial in alle klangfarblichen Schattierungen, rhythmischen und dynamischen Finessen, von denen etliche bislang noch in der toten Partitur schlummerten (trotz Carlos Kleiber, siehe CD-Führer). Mit Endrik Wottrich hat Harnoncourt einen schlanken, ungemein flexiblen Tenor gefunden, der nicht mehr den allenfalls in vorhochzeitlichen Stress geratenen Jägerburschen mimt, sondern einen Angstbesessenen, dessen Verzweiflungsfrage „Lebt kein Gott?“ zur markerschütternden Existenzfrage stilisiert wird.
Luba Orgonásová haucht demgegenüber die „leise, leise, fromme Weise“ ihrer Agathe in geradezu sphärischer Entrücktheit (und demonstriert so nicht nur stimmlich, sondern auch psychologisch Harnoncourts schlüssige Deutung vom falschen Paar Max/Agathe). Exzellent besetzt sind auch die Nebenrollen mit Christine Schäfer (Ännchen), Matti Salminen (Kaspar) und Gilles Cachemaille (Kuno) sowie dem Berliner Rundfunkchor. Dass des Jägers Lust nicht zu kurz kommt, die Hörner herrlich schmettern dürfen und bei aller Gebrochenheit des seltsamen Happy-End der C-Dur-Schluss frenetisch klingen darf – dies tut der deutschen Seele, auch der tief gedeuteten, keinen Abbruch, im Gegenteil.

Christoph Braun, 30.04.1996



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