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Hugo Wolf

Streichquartett d-Moll, Italienische Serenade

Fine-Arts-Quartett

Hänssler/Naxos 4010276 011347
(50 Min., 6/1998) 1 CD

1946 war das Geburtsjahr dreier großer amerikanischer Quartette: Juilliard, LaSalle und Fine Arts. Letzteres ist nie so berühmt geworden wie die anderen beiden. Lag es daran, dass die Bartok- und Brahms-Aufnahmen dieses Quartetts aus den Fünfzigern einen weit expressiveren, fast ruppigen Stil vertraten? Man darf von einem Wunder interpretationsgeschichtlicher Beständigkeit sprechen, dass sich der Fine-Arts-Charakter so unbeschadet in die "next generation" fortgepflanzt hat.
Der Cellist Wolfgang Laufer trat 1979 in die Urformation ein, er hat noch mit den Violin-Veteranen Sorkin und Loft zusammengespielt. Schon in den ersten Takten der Grave-Introduktion des d-Moll-Quartetts mit den erbarmungslosen Fortissimo-Hieben begegnen wir dem scharfen, das Äußerste an Expressivität herausmeißelnden Fine-Arts-Klang.
"Entbehren sollst du, sollst entbehren", dieses Faust-Zitat steht über Hugo Wolfs aufgewühltem Jugendwerk. Fünf harte Jahre, von 1879 bis 84, arbeitete er daran. Die vier Herren aus Milwaukee zeichnen die zerklüftete Erregungskurve des fünfundvierzigminütigen Werks mit allem Mut zur Schroffheit nach. Der Kopfsatz ist der reinste Krimi, sein Thema wütend vorwartsdrängende, beethovensche Geste. Da Wolf keinerlei praktische Erfahrungen mit dem Streichersatz hatte, ist das Stück technisch vertrackt. Erstaunlich, mit welcher Präzision das Quartett unter diesem Deutungs-Hochdruck den ersten Satz geradezu durchpeitscht.
Nur der Beginn des langsamen Satzes zeigt minimale Trübungen. Dieser Satz wird gern als entrückter Verwandter des späten Beethoven charakterisiert. Gewiss, man kann diese Musik inniger, verdämmernder und wärmer hören. Das Fine-Arts-Quartett aber formuliert die vielen Momente aufflackernder Leidenschaft mit aller Schärfe aus, jenes unheimliche Beben der wiederkehrenden 64tel-Repetitionen. Hier wird die lauernde Erregung dieser mit dynamischen Forderungen geradezu überladenen Partitur umgesetzt. Der Gefühlstiefe dieser Musik wird nichts genommen, aber bedenklicher, bedrohlicher wirkt sie schon. Eine atemberaubende Aufnahme eines immer noch unterschätzten Werkes.

Matthias Kornemann, 10.05.2001



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