Schön, daß sich Naxos nun auch historischen Aufnahmen widmet; auch Nicht-Archäologen können sich nun an erschwinglichen Schätzen wie diesem New Yorker "Tristan" von 1943 freuen, der spektakulär besetzt ist.
Lauritz Melchior war der Wagner-Tenor der ersten Jahrhunderthälfte (allein den "Tristan" sang er zweihundert Mal!), und ist gleich in drei historischen Tristan-Aufnahmen im Katalog vertreten, immer mit Kirsten Flagstad. Sie war die Isolde Nummer 1 an der Met, und Helen Traubel, Isolde in dieser Aufnahme, stand immer in ihrem Schatten, bis die Flagstad 1941 nach Norwegen zurückkehrte.
Vielleicht kann man das Verhältnis Flagstad-Traubel mit jenem zwischen der Callas und der Tebaldi vergleichen. Die Callas war glühender, selbstverzehrender, die Tebaldi eher etwas für den gesangstechnischen Hautgout, und letzteres trifft gewiss für Traubels herrliche Vorstellung in dieser Aufnahme zu. Denn noch in den nicht endenden Liebespassagen im zweiten Akt begegnet man einer perfekten Stimmführung, die die Flagstad gelegentlich ihrem Ausdruckswillen zu opfern bereit war.
Klar, mit schneidigen Tempi dirigiert Erich Leinsdorf das Orchester der Met. Wer den Furtwängler-"Tristan" mit der Flagstad hat, kann hier einen fast sachlich-technokratischen Gegenentwurf erleben. Der mag zwar ganz schön knistern, aber bei zeitlos gültigem Musizieren arbeitet der Rauschfilter im eigenen Kopf. Wenn Künstler etwas zu sagen haben, wird die Aufnahmetechnik zweitrangig.

Matthias Kornemann, 28.02.1998



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