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Richard Wagner

Vorspiele

Philadelphia Orchestra, Christian Thielemann

Deutsche Grammophon 453 485-2
(70 Min., 4/1997) 1 CD

Das "Thielemann-Dreschen" war eine der Kritiker-Moden der letzten Saison. Wer aber nach dieser fantastischen Aufnahme damit fortfährt, sollte sich um eine Ohrenspülung bemühen.
Gleichwohl, anfangs will diese auf fast hypnotisierende Art langsame und bedächtige Sicht auf Wagners populärste Orchesterstücke gar nicht recht gefallen. Thielemann biegt ganz unmerklich an unseren liebgewonnenen Hörempfindungen herum, etwa im "Meistersinger"-Vorspiel, das durchhörbar wie Kammermusik wird und dessen Themen ohne Rücksicht auf ihre spätere Rolle in der Oper vorgestellt werden – es ist undramatisch.
Vor dem Eintritt des Festmotives, dessen martialisches Blechgeknatter Thielemann ziemlich zügelt, bleibt die Musik in einem wunderschönen dolce-Augenblick beinahe stehen. Kehrt das Festmotiv später zurück, plaziert der Dirigent einen subtilen und doch unglaublichen Effekt: Er lässt die Blechmarschierer nicht gleich zu Wort kommen, sondern zunächst noch von den ersten Geigen überstimmen, die ihre Linie endlich einmal ff ausspielen dürfen – bei fast allen Aufnahmen geht das unter!
Die Spannkraft, im "Tristan"-Vorspiel ein unglaublich breites Tempo bis zum Schluss durchzuhalten, besitzt Thielemann ebenfalls. Im "Liebestod" erlebt man die reinsten Furtwängler-Crescendi; quälend lange gebändigt, läßt das Orchester seine Kräfte mit jener glühenden Intensität frei, der viele Pult-Langweiler zu oft hinterherfuchteln.
Dieser pathosarme Rausch der Bewußtheit, der uns hier viele Stellen völlig neu hören lässt, hält lange.

Matthias Kornemann, 28.02.1998



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