Die Live-Übertragungen aus der Metropolitan-Oper sind bis heute in ganz Amerika zu empfangen. Ich fuhr einmal eine unendlich einsame, schnurgerade Straße durch Nevadas Salzwüste – es hätte auf dem Mars sein können -, während die ganze Zeit „Lohengrin“ live aus dem Radio rauschte. Unwirkliche Labsal für Millionen deutscher Mietwagentouristen.
Am 6. Dezember 1941 durften Amerikas Opernhörer vor den Radios einen aufregenden Nachmittag erwarten: Helen Traubel, die uramerikanische Antwort auf die nach Norwegen zurückgekehrte Kirsten Flagstad, sollte erstmals die Brünnhilde singen. Und Alexander Kipnis, in Europa längst ein Star unter den Wagner-Stimmen, debütierte als Hunding an der Met. Das hätte eigentlich genügt für eine herausragende Vorstellung, aber das war erst der Anfang.
Am Freitagnachmittag hatte sich Lotte Lehmann krank gemeldet – noch eine aus Europa geflohene Legende. Beide Reserve-Sieglinden waren verhindert. So erlebte die Musikwelt eines jener Debüt-Wunder, die man für naive Fantasterei halten würde, hätte ein Schriftsteller sie erfunden. Die dreiundzwanzigjährige Astrid Varnay hätte eigentlich erst drei Monate später zum ersten Mal auf der damals wohl führenden Bühne der Welt stehen sollen. Doch weil sie die Sieglinde studiert hatte, wurde sie kurzerhand besetzt. Wir können die Geschichte in ihrer ausgesprochen witzigen Autobiografie nachlesen. Aber diese emotionale Reife, diese Sicherheit der Stimmführung, das warme, dunkle Timbre bleiben unfasslich. Wo nahm die Varnay die Nervenkraft her?
Über dieses sensationelle Ereignis mochte das Brünnhilden-Debüt der Helen Traubel fast in den Hintergrund geraten sein. Dabei ist die Strahlkraft, das pure Volumen dieser großen Wagner-Stimme später wohl nur noch von der Nilsson übertroffen worden. Auch die legendären „Wälse“-Rufe des Lauritz Melchior können wir hier bestaunen. Zwölf Sekunden gewährte ihm Leinsdorf, man kann das kaum glauben.
Dafür peitscht er das Orchester in Rekordzeit durch den dritten Akt – die Walküren singen an der Grenze, es könnte unfreiwillig komisch klingen, hätte Leinsdorf nicht ein derartig perfektes Ensemble beisammen gehabt. Wer könnte das heute mit solchen Stimmen besetzen? Neben diesem Ensemble ist unsere Gegenwart von stimmlicher Armseligkeit. Was hilft da die klare Aufnahmetechnik?
Die nervenaufpeitschende Rasanz dieser schnellsten „Walküre“ auf CD mag stellenweise überzogen sein, aber ihre schneidende Präzision, das Keuchen an der Grenze des Spielbaren waren diesem Ausnahmeereignis sicherlich angemessen. Weniger als einen Tag später saß Amerika wieder vor den Radios, und dieses Drama spielte dann auf keiner Bühne mehr. Die Japaner hatten Pearl Harbour angegriffen. Auch vor diesem gewittrigen Hintergrund gewinnt dieses fast reißerische Dokument einen unwiderstehlichen Reiz.

Matthias Kornemann, 19.04.2001



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