Dass Wagners großartigstes Werk einmal derart aktuell werden könnte! Da kommt ein frischgemuter Betriebswirtschaftsstudent (Walther von Stolzing) mit neuen Ideen, um ein innovatives Unternehmen zu gründen (die Heirat mit Eva, der Nürnberger Meisterstocher) – doch unsere Bürokratie in Gestalt bösartig-misstrauischer Ministerialreferenten und verbiesterter Zunft-Repräsentanten (Meistersinger) ersticken seinen Tatendrang im Keim mit tausend abstrusen Vorschriften. Gottlob gibt es noch einen verständigen alten, wertkonservativen Bundespräsidenten (Hans Sachs), von allen Seiten geachtet, mit Sympathie für die Jugend und Ehrerbietung für die gewachsene Tradition, der die Antipoden zum gegenseitigen Verständnis lenkt.
So oder so ähnlich ließe sich vielleicht derzeit eine "aktualisierte Inszenierung" von Wagners viereinhalbstündiger Auseinandersetzung um das Spannungsverhältnis von Tradition und Innovation denken. Doch Nikolaus Lehnhoff hatte offenbar anderes im Sinn mit seiner Zürcher Produktion von letztem Jahr, sei es, weil Zürich nicht Berlin (oder Nürnberg) ist, oder weil ihm ein politisiertes Tagesgeschehen zu vordergründig wäre. Aber welche Ideen hatte er im Sinn? Im ersten Akt keine, die irgendeine Absicht erkennen ließen: in diskreter Zurückhaltung beschränkt er sich auf das (von Wagner vorgegebene) Arrangement einiger weniger Bühnenrequisiten, damit das Anbandeln des Junkers mit Eva und das (vorläufige) Scheitern seiner Werbung vor den Zunftrichtern vonstatten gehen kann. Zumindest und gottlob ist die Bühne keine (wie z.B. in den Met-Inszenierungen) pseudonaturalistische Märchenidylle mit Mittelaltergassen und vollgestopftem Altväter-Kram.
Doch dann fällt Lehnhoff leider ins andere Extrem: den zweiten Akt (die "Johannisnacht") gießt er in bläulich-nebliges und den dritten Akt (Sachsens Stube und die Festwiese) in grelles rotes Licht. Das war‘s. Von Massenschlägerei im zweiten Akt keine Spur, dafür allerdings etliches Minenspiel einzelner Protagonisten. Nur dass in Hans Sachs‘ guter Stube, wo der geniale Schusterpoet vom "Wahn" der rastlosen Geschäftigkeit seiner Zeit räsoniert, ein Bücherhaufen aufgeschichtet ist: Da assoziiert man als geschichtsbewusster Deutscher natürlich gleich den brennenden von 1933. Doch Lehnhoff lässt einen allein mit diesen Assoziation: war offensichtlich nicht so gemeint!
Bleibt also die Musik. Und da zeigt schon das Vorspiel, worauf Franz Welser-Möst die Aufmerksamkeit lenken will. Dieses gigantische, so penetrant als deutschtümelnde Spektakel inszenierte Werk versteht der detailversessene ehemalige Chefdirigent der Zürcher Oper als Wundertüte: Voll von herrlichen Kantilenen, geschmeidigen Harmonieübergängen, subtilen Zwischentöne und warmen Farben. Dem Lyrischen (wie auch Sachs‘ tragisch-sinnierenden Passagen) gibt er den Vorzug vor dem Komischen und Derben, dem Legato vor den kraftstrotzenden Tutti-Schlägen. Letzteres muss man nur am Schluss bedauern: nicht weil es darum ginge, "deutsche Kunst" gegenüber "welschem Tand" zu preisen, sondern weil Wagners grandiose Apotheose der Musik als solche hier allzu hastig als flotter Kehraus verstanden wird – als hätte der noch immer jugendlich wirkende Österreicher Angst vor zuviel Wagner'scher Vergangenheitslast oder umgekehrt: als betriebe er ängstlich eine allzu schnelle Vergangenheitsbewältigung. Ansonsten gilt: Eine derart feingliedrige und geschmeidige Auffächerung der Riesenpartitur erlebt man selten. Und das Zürcher Opernorchester mitsamt seinem Chor darf sich zu Recht eines der besten Bühnenensembles nennen.
Dies gilt auch für die Zürcher "Meistersinger", die ihrem Titel durchaus gerecht werden - mit einer Einschränkung, die ausgerechnet dem wichtigsten Zunftvertreter gilt. Zwar steigert sich José van Dam als Hans Sachs im dritten Akt, doch zuvor muss der über Jahrzehnte gefeierte, 65-jährige Belgier allzu sehr forcieren, um seinem Bariton Gehör zu verschaffen. Dass er gleichwohl einen darstellerisch überzeugenden, ernsten und doch pathosfernen Sachs vorzustellen vermag, macht dies leider nicht wett. Dagegen lassen einmal mehr Matti Salminen mit seinem sensiblen und doch raumgreifenden Pogner und Michael Volle mit seinem auch schauspielerisch prägnanten Beckmesser, der durchaus nicht nur komisch oder skurril angelegt ist, keine Wünsche offen.
Bei Petra-Maria Schnitzers Eva verhält es sich umgekehrt wie bei ihrem Mentor Sachs: hier fordern zunehmend Wagners "Längen" ihren Tribut, so dass ihr anfänglich schlanker Sopran mehr und mehr Höhen- und Durchsetzungsprobleme hat. Peter Seifferts "Stolzing" wiederum wird seinem Namen durchweg gerecht: Seine dreifach intonierten Werbegesänge haben (trotz Vibrato) so viel Verführungskunst, dass Evchen durchaus zu Recht schwach werden kann. Allerdings: wer noch René Kollos grandios aufblühenden Tenor in Karajans Dresdener Produktion von 1970 im Ohr hat, der muss Seifferts beachtliche Leistung doch etwas relativieren. So zeigen diese Züricher "Meistersinger": wenn auch nicht inszenatorisch, so sind sie doch musikalisch weit mehr als Mittelmaß.

Christoph Braun, 03.09.2005



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