Mutig bis zur künstlerischen Selbstbeschneidung sind Thielemanns straffe, unbedingte Tempi. Selbst im Vorspiel zum zweiten Akt, wo andere sich selig ausbreiten, gönnt sich Thielemann keine ruhige Minute, es muss weitergehen, nach vorne drängen, das Wichtigste kommt doch erst, pausieren können wir später, wenn alles vorbei ist. Gewaltig donnern jetzt die Pauken, da kann es einem schon anders werden, aber auch sie müssen sich sputen, strahlende Trompeten führen sie an. Streicher und Bläser schreiten mit Riesenstiefeln durch den harmonischen Dschungel, bebend fast, ein wenig zu selbstsicher, die Angst kriecht herauf - schnell raus hier. Was Thielemann mit dem Orchester der Wiener Staatsoper da treibt, ist beeindruckend. Er ersetzt nicht nur mit Leichtigkeit das fehlende Bühnenbild - man vermisst es keinen Augenblick -, sondern gestaltet die ganze Oper, das ganze Riesenwerk aus dem Orchestergraben heraus. So sehr, dass man sich manchmal beinahe gestört fühlt, wenn ein Sänger einsetzt. Dabei ist die Besetzung - nicht nur wegen Plácido Domingo als Parsifal, Waltraud Meier als nach wie vor überzeugende Kundry oder Falk Struckmann als Amfortas bis hinunter zum dritten Knappen (John Dickie) - eine Klasse für sich. Aber die eigentliche Suggestion geht doch vom Orchester aus, das Thielemann blindlings zu folgen scheint, sich auf alle Überraschungen und Wagnisse einlässt. Sicherlich könnte man, wie noch mehr bei den Sängern, im Einzelnen fündig werden, wollte man nach Fehltritten suchen oder zweifelhaften Auffassungen. Aber, trotz der Ehrfurcht gebietenden orchestralen Präsenz, ist das Ganze doch keine überdimensionale Sinfonie geworden, sondern ein vielschichtig packendes Drama.

Helmut Mauró, 19.05.2006



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