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William Walton

Streichquartett a-Moll, Streichquartett (1922)

Emperor-Quartett

Black Box/Note 1 6 80125 10352 9
(58 Min., 8/2000) 1 CD

William Waltons 1947 komponiertes a-Moll-Quartett eignet sich hervorragend als Einstieg in die Klangwelt des englischen Komponisten. Die warme, sonnendurchtränkte, so gar nicht "typisch britisch" anmutende Lyrik findet sich im Überfluss im Kopfsatz und im Lento, während das Presto und das abschließende Allegro molto jene rhythmische Attacke und überwältigenden musikantischen Schwung aufweisen, die auch Waltons Orchester- und Chorwerke prägen, etwa die beiden Sinfonien oder das Oratorium "Belshazzar's Feast".
Gleichzeitig ist das Quartett formal äußerst schlüssig, beinahe klassisch disponiert, und die kleinen Schwächen, an denen Waltons Musik gelegentlich krankt - ein Übermaß an Rhetorik sowie Sentimentalität - sucht man in diesem Opus gottlob vergeblich.
Das frühe Quartett, das Walton als Zwanzigjähriger vollendete, präsentiert hingegen ein Porträt des Komponisten als jungen Wilden, vor seiner Identitätsfindung. Walton zog das Werk später zurück und meinte, es sei voll von "unverdautem Bartók und Schönberg"; erst nach seinem Tode wurde es wieder aufgeführt.
So spannend und - für die britische Musik der Zeit - modern das Stück auch klingt: Ganz Unrecht hatte Walton mit seinem Urteil nicht. Hier zeigt ein junger begabter Komponist, was er alles schon kann, und noch mehr, was er bereit ist zu wagen. Dabei schreckt er vor der Integration zweier Fugen, einer langsamen und einer schnellen, im Finale nicht zurück und erweist dabei unüberhörbar Beethoven seine Reverenz. Doch zu souveränder Beherrschung der Form und zu einer wirklich individuellen Tonsprache ist es noch ein weiter Weg. Trotzdem ist das Quartett ein faszinierendes Dokument des ersten Schrittes eines späteren großen Meisters.
Das mir bislang unbekannte Emperor-Quartett gibt schlanke, temperamentvolle, in den schnellen Teilen des a-Moll-Quartetts geradezu elektrisierende Interpretationen der beiden so unterschiedlichen Werke, die von der Klangtechnik adäquat abgebildet werden. Im direkten Vergleich mit dem Gabrieli-Quartett, das die gleiche Werkkombination einspielte (Chandos), geht das Ensemble als Sieger hervor - wegen einer größeren gestalterischen Variationsbreite und eines Plus an Mut zum Risiko, vor allem in der halsbrecherischen Final-Fuge des frühen Quartetts.

Thomas Schulz, 08.11.2001



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