"Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir" – diesen Seufzer dürfte so mancher ausgestoßen haben, der sich als Bach-Tenor zu profilieren suchte. Denn seine Tenorarien sind nun einmal vertrackte Dinger: hoch, sperrig und meist ziemlich kompromisslos instrumental gedacht. Bei Christoph Genz hat der Stoßseufzer seine Wirkung getan: Der ehemalige Thomaner zeigt, dass die selbstverständliche, aber innige Beziehung zu Bach, über die er im Beiheft plaudert, tatsächlich besteht. Und die beginnt erst einmal beim Text. Nicht nur, dass Genz selbst in heiklen Passagen absolut verständlich bleibt: er spricht das barocke Deutsch auch jenseits der bloßen phonetischen Verständlichkeit mit der ungekünstelten Leichtigkeit eines Muttersprachlers aus. Wenn Genz singt, dann denkt man bei "gesalznen Zähren" eben einfach an Tränen, die salzig schmecken. Und so steht beim Vortrag der klug ausgewählten Arien kein entrückter Perückenträger vor uns, sondern ein junger Mann, der sich mit froher Gelassenheit Gedanken macht über Freundschaft, Engel, Liebe und Tod. Wie stark der betörend schimmernde, sanfte Glanz aufleuchtet, über den Genz' klare Stimme in allen Lagen verfügt, das hängt noch ein klein wenig davon ab, auf welchen von Bachs verschlungenen Kreuzeswegen die Register angesteuert werden. Immer aber wirkt der Zugriff sicher – wobei Genz mit ruhig dosiertem Atem insbesondere darin brilliert, wenn er Bachs böse instrumentale Koloraturen als natürliche Fortsetzung des Wortes erscheinen lässt. Das Orchester macht vielleicht nicht in gleichem Maße auf sich aufmerksam wie der Sänger, ist ihm aber jederzeit ein lebhaft und farbig gestaltender Begleiter. Und "führet mich auf beiden Seiten" - das hatte Genz doch auch als Erstes die Engel gebeten. Mögen sie dem jungen Tenor weiterhin gewogen bleiben!

Carsten Niemann, 03.09.2005



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