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Johann Sebastian Bach

Sonaten und Partiten für Violine solo

Gidon Kremer

ECM/Universal 1926/27 bzw. 476 7291
(131 Min., 9/2001 (Partiten), 3/2002 (Sonaten)) 2 CDs

Wer mehr über das weite interpretatorische wie technische Spektrum modernen Violinspiels oder aber einfach mehr über Gidon Kremer erfahren will, sollte sich von der eher mageren Wertung dieser Aufnahme nicht irreleiten lassen und zugreifen: mehr Geige und mehr Kremer wird man so komprimiert nicht bekommen können. Weniger Bach allerdings wohl auch nicht. 25 Jahre nach seiner ersten Gesamteinspielung der Sonaten und Partiten verspricht Kremer im Booklet nichts weniger als sein "letztes Geständnis". Kremer berichtet von persönlicher "Offenbarung" im Angesicht der Unendlichkeit Bach'scher Kompositionskunst und will uns mit seiner Neueinspielung nun um jeden Preis daran teilhaben lassen. Doch als Zeuge von öffentlich vollzogener Erleuchtung ist man nur allzu schnell peinlich berührt. Und so staunen wir über Kremers vergleichslose Intensität, seinen Furor, seine Konzentriertheit und nicht zuletzt über die immer noch schier unglaublichen Möglichkeiten seiner Bogenführung und die so extrem differenzierte Artikulation, die sie erlaubt. Und fühlen uns dennoch, als ob uns fremde Leute ihre Unterwäsche zeigten: so genau wollten wir's eigentlich gar nicht wissen. Die ständigen Verschleppungen und Stauchungen von Tempi, die cholerische Dynamik, die aufgeregte Agogik und der generelle Verzicht auf irgendeine Form von Moderato, von Mäßigung: auf Dauer schlichtweg eine Zumutung. Der große Individualist Glenn Gould, auf den sich Kremer bei seinem Tun fast entschuldigend beruft, war so selbstverliebt bei weitem nicht - seine Subjektivität gründete noch in der Reflexion des Objekts, des Kunstwerks. Kremer dagegen macht Bach zum Katalysator einer privaten Erfahrung. Wen aber kümmert die?

Raoul Mörchen, 05.11.2005



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