Samuel Barbers "Vanessa", dieser Geniewurf im amerikanischen Musiktheater, in einer Studioproduktion der Metropolitan Opera, entstandt wenige Wochen nach der Uraufführung des Werks im Januar 1958. Glücklicherweise konnte man zu diesem Zeitpunkt über die komplette Uraufführungsbesetzung verfügen, und so kam unter Leitung von Dimitri Mitropoulos eine leidenschaftlich-glühende und fesselnde Version dieser unbedingt hörenswerten, heute weitgehend von den Spielplänen verschwundenen Oper zustande.
In der Titelpartie ist Eleanor Steber zu hören. Sie ersetzte bei der Uraufführung Sena Jurinac, die die Partie studiert hatte, dann aber kurzfristig erkrankte; die Jurinac war ihrerseits schon zu einem früheren Zeitpunkt an die Stelle der von Barber ursprünglich präferierten Maria Callas getreten. Der Intensität des Charakterporträts tut diese doppelte Umbesetzung allerdings keinerlei Abbruch. Vanessa hängt in einem Landhaus, wo sie mit ihrer Mutter und ihrer Nichte Erika lebt, ihrer einstigen Liebe zu Anatol nach. Dieser wird nach 20 Jahren des Getrenntseins als Gast erwartet, doch wer tatsächlich kommt, ist sein gleichnamiger Sohn, ein in Gefühlsdingen unbekümmert hasardierender Verführer (stimmlich wie darstellerisch brillant: Nicolai Gedda). Als Vanessa sich schockiert zurückgezogen hat, wendet sich Anatol junior ihrer Nichte Erika (von bezaubernder Gefühlswärme und mitreißend tragischer Größe: Rosalind Elias) zu. Ohne jemals zu erfahren, dass er sie in jener einzigen Nacht geschwängert hat, nimmt er diese Affäre auf die leichte Schulter und entscheidet sich für Vanessa. Als Erika davon erfährt, flieht sie hinaus in die stürmische Winternacht und führt willentlich den Tod ihrer Leibesfrucht herbei; gemeinsam verlassen Vanessa und Anatol das Landhaus, und Erika bleibt vernichtet mit ihrer Großtante, der einzigen Mitwisserin ihres Unglücks, zurück.
Barber schuf zu diesem höchst spannungsreichen und dramatischen Libretto von Gian Carlo Menotti eine aufgewühlte, das Innenleben der Personen differenziert und überzeugend offen legende Musik in seiner harmonisch sehr aussagekräftigen, immer tonalen Art des Komponierens. Vanessa, ohne Zweifel ein herausragendes Bühnenwerk innerhalb der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, ist in dieser tadellosen Einspielung ein Hochgenuss.

Michael Wersin, 03.04.2004



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