Responsive image
Johann Sebastian Bach

"Tönet, ihr Pauken" - Weltliche Kantaten BWV 207 und BWV 214

Carolyn Sampson, Ingeborg Danz, Marc Padmore, Peter Kooy, Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901860
(56 Min., 6/2004) 1 CD

"Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten" - der Eingangschor des Weihnachtsoratoriums erklingt hier mit neuem Text, der doch eigentlich der alte ist. Die beiden weltlichen Kantaten enthalten noch weitere Sätze aus diesem Werk in der Urfassung, die - zu einmaligem Anlass (BWV 207 als Glückwunsch für einen Professor, BWV 214 als Huldigung für die Kurfürstin ) komponiert - Bach durch Transformierung ins Geistliche wieder verwendbar gemacht hat: Das immense Arbeitspensum des Thomaskantors zwang ihn zur Ökonomie, durch geniale Bearbeitung machte er Eintagsfliegen zu Dauerbrennern.
Und Herreweghe dirigiert diese beiden "Eintagsfliegen" mit einer Leichtigkeit und einer klanglichen Schönheit, als wolle er uns überzeugen, dass die Urfassungen die einzig wahren seien. Der Ästhet unter den Originalklang-Spezialisten musiziert mit seinen Ensembles aus einer entspannten Grundhaltung heraus, der "lüsterne Hörer" (als solche werden wir im Eingangschor von BWV 207 apostrophiert) braucht nicht zu fürchten, durch aggressive und geräuschhafte Streicherklänge , wie sie heutzutage in der Alte-Musik-Szene en vogue sind, in seinem Kunstgenuss gestört zu werden. Vielmehr erfreut er sich an diesem gelösten, schlanken und beweglichen Musizieren von Chor und Orchester, in das sich das vorzügliche Solistenquartett nahtlos einfügt. Marc Padmore erfreut mit seinem helltimbrierten Tenor durch klug gestaltete Rezitative, vor allem kommt aber das Duett aus Kantate BWV 207 "Den soll mein Lorbeer schützend decken", wo sich der leuchtende Sopran von Carolyn Sampson und der schmiegsame Bass von Peter Kooy aufs schönste verbinden, diesem Musizierideal denkbar nahe. Die Chöre reißen den Hörer (er wird immer "lüsterner") in die Frohgestimmtheit dieser Musik (lediglich die "Vereinigte Zwietracht" klingt am Anfang noch etwas matt). Und wenn dann im mitreißenden Schlusschor "Korte lebe, Korte blühe" dem Leipziger Professor Gottlieb Korte trompetenüberglänzte Glückwünsche zugesungen werden, wird man bei aller ansteckenden Festfreude doch etwas wehmütig: Was waren das für Zeiten, wo einem Professor zu seinem Einstand solche klingenden Geschenke gemacht wurden! - Tempi passati.

Martin Neumann, 18.11.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Darm mit Charme: Auf dem Buchmarkt hat unser Verdauungstrakt schon vor einigen Jahren seine marketingverbauschte Renaissance gefeiert. Stimmt es, dass dieses hochkonzentriert von Nerven durchsetzte Organ in der Evolution die Leistungen des später ausgebauten Gehirns mit der Intelligenz des Gefühls vereinte? In der Alten Musik ist der Darm bereits völlig ekelfrei in aller Munde: als Darmsaite. Dazu wird nach der Schlachtung von meist Schafen und Lämmern der Darm gewendet, von Schleimhaut und […] mehr »


Top