Zürichs "Beatrice di Tenda" gehört in die längst aus allen Nähten platzende Schublade mit der Aufschrift "Möchtegern-Regietheater". Natürlich hat der Regisseur die Geschichte nahe an unsere Gegenwart gezerrt, natürlich sieht das Bühnenbild schick und heutig und hipp aus (und nach Erich Wonder). Das ist schön und gut, nichts dagegen! Nur: Was nützt das "Updating", wenn es kein Konzept gibt, das die Zeitverschiebung rechtfertigen könnte? Von Personenführung ist hier weit und breit keine Spur. Von Figurenanalyse schon gar nicht. Stattdessen gibt es blutleeres, einfallsloses Stehtheater der schlimmsten Sorte.
Aber wir wollen ehrlich sein: Wen interessieren hier Inszenierung oder Bühnenbild? Niemand. Schließlich ist dies die Gruberova-Show, und die unermüdliche Koloraturdiva macht ihre Sache gut. Allerdings nicht phänomenal, atemberaubend, überwältigend -- jene Attribute, die in den vergangenen Jahrzehnten bei der Lobpreisung ihrer Leistungen geradezu obligatorisch (und überaus angebracht) waren. Edita Gruberova ist in Konkurrenz zu sich selbst getreten, zu ihrer Stimme, ihrer Virtuosität, "wie sie war". Ohne Frage kann sie die Beatrice immer noch so singen wie kaum eine andere. Nur: Immer wieder ertappen wir uns dabei, wie wir denken: Vor fünf Jahren hätte sie’s besser gemacht. Und vor zehn erst!
Trotzdem ist sie hier noch die Königin. Vor der furios auftrumpfenden Stefania Kaluza als Agnese, die sich wund spielt ("Es lebe das Melodrama!").Vor dem hübsch singenden, aber völlig teilnahmslosen Raùl Hernández als Orombello ("Wann kommt der nächste Bus?"). Und vor Marcello Viotti, der Bellini im Schongang fährt.

Jochen Breiholz, 21.02.2004



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