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Heinrich Ignaz Franz Biber

Missa Salisburgensis

Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, Gabrieli Consort & Players, Paul McCreesh

Archiv Produktion/Universal 457 611-2 
(71 Min., 7/1997) 1 CD

Diese CD ist nichts für asketische Protestanten, es sei denn, sie wollen sich einen Hör-Eindruck verschaffen von der ehemaligen Macht ihrer älteren Konkurrenz. Geradezu lautmalerisch wird in der 1682 anlässlich des 1100jährigen Bestehens des Erzstiftes Salzburg gefeierten katholischen Festmesse (also gut 150 Jahre nach der Proklamation der “Augsburger Konfession”) durch minutenlange Repetition auf einem einzigen Ton, umtost von virtuosen Bläser- und Vokalchören, das “Credo” beschworen.
Doch auch jenseits der Kirchenpolitik ferner Zeiten weist diese Aufnahme genügend Sprengstoff auf. Das ist für Audiophile fast wörtlich zu nehmen, haben doch Paul McCreeshs Gabrieli-Ensemble sowie Reinhard Goebels Musica Antiqua Köln respektive die Tonmeister des Archiv-Labels hier Tonmassen eingefangen, wie sie bombastischer kaum ertönen können. (Eine kleine Warnung: die “Intrada” kommt entsprechend der von Bläser-Chören am Ende der Kirche in großer Entfernung aufgenommenen Lautstärke noch “gemäßigt” daher. Wer seinen Verstärker hier aufdreht, der bringt bei den nachfolgenden Kyrie-Anrufungen den Deckenstuck seiner Nachbarn zum Bröckeln.)
Was die kompositorische Faktur der sechs Vokal-, Streicher-, Blech- und Holzbläserchöre samt Orgel und Pauken angeht, so hat sich der vermeintliche Komponist Heinrich Ignaz Franz Biber (es existiert im Archiv des Salzburger Doms lediglich eine anonyme Abschrift) vor allem die venezianische Mehrchörigkeit mit ihrer räumlich strukturierten Klangentfaltung zum Vorbild genommen. Dass die Über-Akustik des Salzburger Doms den korrespondierenden Ensembles kaum Raum ließ für filigrane Kontrapunkt-Künste oder Tonarten-Raffinessen, versteht sich von selbst.
Gleichwohl - das zeigen McCreeshs wie immer (allerdings mit schneidend scharf intonierenden Sopranistinnen) makellos agierende Musiker - hält die Vertonung des liturgischen Textes, vor allem im “Credo”, durchaus einfühlsame Interpretationsmomente parat. Quasi zur Erholung von so viel Klangpracht hat Goebels Truppe in bekannt delikat-virtuoser Geigen-Manier zwei Kirchensonaten von Biber zwischen die Messteile eingeschoben. Auch mit ihnen lässt sich ausrufen: O ecclesia triumphans! Einfach orgiastisch könnte man also sagen - wäre gerade in diesem Zusammenhang das Wort nicht verpönt.

Christoph Braun, 31.05.1998



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