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Vossabrygg

Terje Rypdal

ECM/Universal 987 5381
(68 Min., 4/2003) 1 CD

Manche Platten wirken jahrzehntelang nach. Miles Davis "Bitches Brew" beispielsweise, 1969 als Beginn der Fusion von Jazz und Rock gefeiert, ist ein Klassiker aus jenen Jahren, in denen der als betulich angesehene Swing durch neue Rhythmen ersetzt wurde und der Drogengebrauch als Stimulans für neue musikalische und sonstige Entdeckungen galt. Längst sind die meisten Hippies brave Bürger, und die Musik der Rebellion weckt allenfalls vage Erinnerungen an die einstigen Hoffnungen auf ein anderes Leben. Was bleibt, ist eine Ansammlung von Stilelementen, die - lag es an ihrer Sprengkraft? - erst in den letzten Jahren entdeckt, analysiert und im Konzertbetrieb angewandt werden. In fröhlichem Retro-Schwung beginnt das 2003 im norwegischen Ort Vossa live aufgezeichnete Konzert einer skandinavischen All-Star-Band um den Gitarristen Terje Rypdal mit Anklängen in Rhythmus, offenen Strukturen und Orgelphrasen an "Pharoah’s Dance". Neu sind Rypdals schwebende Gitarrenklänge, der raschere Wechsel der Klangfarben und die im Vergleich mit Miles Davis verhangene Klangfärbung im Trompetenton von Palle Mikkelborg. Bugge Wesseltoft am Elektropiano und Synthesizer und Ståle Storløkken an der Orgel, E-Piano und Synthesizer zaubern im Team mit dem Bassisten Bjorn Kjellemyr sowie den Schlagzeugern Jon Christensen und Paolo Vinaccia für Retroflair. Doch sie können auch anders: In "Hidden Chapter", "Incognito Traveller" und "Jungeltelegrafen" unterlegt Marius Rypdal - ähnlich dem Einsatz der Digitaltechnik auf den Platten Nils Petter Molvaers - klatschende Digitaldrums und Stimmsamples: Das einstige Schlampengebräu wird zum Gebräu aus Vossa, dem "Vossabrygg". Den "Waltz For Broken Hearts" gar hätte Miles allenfalls in der Akustik-Phase vor Bitches Brew oder in seiner Popstar-Ära in den 1980ern gespielt. Die filigranere Rhythmusarbeit in "That’s More Like It" sowie "You’re Making It Personal" und "A Quiet World" erinnern just an jenen letzten bedeutenden Abschnitt in der musikalischen Karriere des nimmermüden Miles. Es muss ein Konzert mit einer einzigartigen, magischen Stimmung gewesen sein. Dies vermittelt zumindest die im Studio editierte CD. Insofern ist der Retro-Ansatz mit Bezügen auf den Klassiker "Bitches Brew" auch ein höchst aktuelles Werk mit einem eigenen, aus Tradition und naher Vergangenheit genährten Charakter. Man kann es Dutzende Mal hören und entdeckt immer etwas Neues.

Werner Stiefele, 11.03.2006



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