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The Complete Songbooks

Oscar Peterson

United Archives
1 CD

"X plays Y" ist heute geradezu das Musterbild eines Jazzalbentitels. Mit den Songbooks fing alles an. Bis etwa 1950 kam selten ein Jazzer auf die Idee, ein ganzes Programm aus Kompositionen eines Musikers zu bestreiten. Man tat es allenfalls, wenn man selbst fleißig komponierte, doch selbst ein Ellington spielte auch Stücke von Kollegen. Für die meisten Musiker dürfte es nicht wichtig gewesen sein, aus wessen Feder der Song geflossen war, wenn er sich nur zur Improvisation eignete. Mit aufwendigen Alben aus mehreren Schellacks und vor allem dem Siegeszug der Langspielplatte wurde alles anders: Bestand zuvor eine Platte aus nur zwei Stücken, erwies es sich nun als sinnvoll, einem Programm aus etwa 12 Stücken einen roten Faden zu verleihen. Stammen alle Stücke von einem Komponisten und ist dieser mindestens so populär wie der Interpret, hat man sogar eine besonders zugkräftige Zusammenstellung. Der Plattenproduzent und Manager Norman Granz war besessen von der Idee, die Musiker seiner Labels Songbooks aufnehmen zu lassen. Oscar Peterson nahm in den Jahren 1951 bis 1955 mit seinem Trio Songbooks von Cole Porter, Irving Berlin, George Gershwin, Duke Ellington, Jerome Kern, Richard Rodgers, Vincent Youmans, Harry Warren, Harold Arlen, Jimmy McHugh und Count Basie auf, die hier zu einem preiswerten Bündel geschnürt wurden. Sie zeichnen die Entwicklung seines Trios nach: Nachdem Peterson einige Jahre im Duo mit Ray Brown zusammengearbeitet hatte, nahm er nach Vorbild des Nat King Cole Trios einen Gitarristen hinzu, zunächst den Ex-Cole-Sideman Irvig Ashby, dann für ein Jahr Barney Kessel, der trotz seiner überragenden Fähigkeiten bei Peterson nicht recht zur Geltung kam. Mit Herb Ellis stimmte die Chemie zu 100 Prozent. Die Songbooks sind nicht nur ein Meilenstein der allumfassenden Instrumentalbeherrschung des schon in jungen Jahren vielbeanspruchten Urenkelschülers von Franz Liszt, eines unablässig swingenden Kanadiers, der trotz einer fast fließbandartigen Produktionsweise jedem Stück ein eigenes Gepräge verleiht. Nie zuvor war so unmissverständlich wie mit dieser Serie klargestellt worden, wie viel der Jazz den Broadway- und Hollywoodautoren verdankt. Nach einigen sehr gründlich zusammengestellten und dokumentierten Boxen, etwa den bereits vorgestellten "Complete Columbia Recordings", leistet sich United Archives hier überraschend viele Schlampereien: Herb Ellis wird (obgleich ihm nichts Höllisches anhaftet) auf den Covern zum Hellis und spielt angeblich dort, wo es Kessel tut. Die Bonusaufnahmen mit dem Gitarristen Irving Ashby aus dem Jahr 1952 werden auf dem Cover drei Jahre jünger gemacht. Die Behauptung des Kommentators, das Oscar Peterson Trio hätte mit dem Schlagzeuger Alvin Stoller nur ein einziges Stück aufgenommen, ist schlicht falsch … Schade, denn mit ein bisschen mehr Sorgfalt wäre die Reihe eigentlich unschlagbar. Preislich ist sie dies ohnehin.

Marcus A. Woelfle, 13.10.2007



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