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Live In Paris

Enrico Pieranunzi

Challenge/Sunnymoon 70126
(112 Min., 4/2001) 2 CDs

Was für ein Trio! Der italienische Pianist Enrico Pieranunzi, der belgische Bassist Hein van de Geyn und der französische Schlagzeuger André "Dédé" Ceccarelli strafen alle Lügen, die meinen, einzig das Standards-Trio von Keith Jarrett könne mit dem wohlbekannten Material der Jazzklassiker zu Höhenflügen abheben, in denen absolute Freiheit und strenge Disziplin eine Einheit bilden. Der Bandleader und die langjährigen Sidemen der Sängerin Dee Dee Bridgewater kennen das Material so gut, dass jeder sehr offen damit umgehen und sich sicher sein kann, dass die Partner mit jeder Faser in der Musik mitschwingen und nahtlos von Begleit- in Führungsrollen und ebenso geschwind wieder zurückschlüpfen können. Aus den drei aufeinander folgenden Abenden vom 22. bis 24. April 2001 im Pariser Klub "Le Duc des Lombards" stellten sie dreizehn Titel zu einem der kurzweiligsten Trioprogramme der vergangenen Jahre zusammen. Sei es die Kunst der Tontechniker, sei es der reale Konzertverlauf gewesen: Oft gehen die Titel nahtlos ineinander über - wobei die Überleitungen oft ziemlich abstrakt und weit entfernt vom Melodienmaterial der aufeinander folgenden Stücke liegen. Aus Andeutungen entwickeln sich langsam die Changes oder die Hauptthemen der folgenden Nummer: ein Vergnügen, die Entwicklung bis zum vollständigen Aufblühen zu verfolgen. Dabei spannt sich der Bogen von der Eigenkomposition "Ouverthree" über ein weiträumiges "Body and Soul" und ein energisches "I Hear a Rhapsody" zum federnden "Footprints". Dann bleibt Raum für eine lange, von Melodien erfüllte Basseinleitung zu "I Fall in Love so Easily", dessen Thema das Klavier erst nach zwei Minuten aufgreift und mit Arabesken verziert. Lange währt dieser üppige Schmuck nicht, denn im Grunde konzentrieren sich alle drei auf wesentliche, auf den Umgang mit dem Kern einer Nummer konzentrierte Improvisationen. Als wolle er die Bedeutung der ersten Textzeile nachvollziehen, stört Pieranunzi die Einleitung zu "But Not for Me" durch quer gestreute Akkorde, und auch zwischendurch stemmt er sich gegen den allzu glatten Fluss der Nummer: ein hübscher Einfall. Großartig auch, wie sie aus "What is This Thing Called Love" in den "Jitterbug Waltz" wechseln und diesen, kaum ist er angeklungen, mit viel Spielwitz variieren und sogar - in einer Anspielung auf eine Aufnahme von Fats Waller - ins semiklassische wenden. So intensiv wie diese drei kommunizieren nur wenige andere Trios, und so souverän wurden nur selten Melodien gleichzeitig ernst genommen und neu interpretiert. Insofern machen die Scheiben süchtig auf fortwährendes Hören.

Werner Stiefele, 21.01.2006



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