Eine in Teilen durchaus beeindruckende, ganz unbekannte Live-Aufnahme der Johannespassion, entstanden 1994 in Genf. Der sehr gut disponierte Christoph Prégardien führt als eindrücklich und plastisch agierender Evangelist durch die Passionsgeschichte, der junge Andreas Scholl meistert mit noch ungebrochener Eleganz und Flexibilität die Alt-Arien. Sehr leicht und hell, vielleicht ein wenig zu kopfig die Sopranistin Martina Lins. Als ein Wunder an Zartheit im Mezza voce kommt Charles Daniels' "Erwäge"-Arie daher, wundervoll filigran begleitet vom Lauten-Continuo und singenden Viole d'Amore. Derselbe Klangzauber trägt zuvor das Bass-Arioso "Betrachte, meine Seel'", tadellos dargeboten von Peter Harvey, der auch besonders in der höheren Bass-Arie "Mein teurer Heiland" noch einmal eine Sternstunde hat. Das Ensemble Vocal de Lausanne bietet in puncto Homogenität und Intonationsreinheit nicht immer ganz den hohen Standard, den Spitzen-Gruppierungen wie der Amsterdam Baroque Choir geprägt haben; überzeugend aber die Ausdrucksintention, die etwa den mit sehr verhaltener Monumentalität vorgetragenen Eingangschor zum Erlebnis macht. Kein Zweifel, eine hörenswerte Johannespassion, die eher die weichen und ruhigen Elemente der Partitur zur Geltung bringt, statt dramatisch aufzutrumpfen.

Michael Wersin, 16.06.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in […] mehr »


Top