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Gaetano Donizetti

Maria di Rohan

Edita Gruberova u.a., Konzertchor Wien, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Elio Boncompagni

Nightingale/Koch NC070567-2
(115 Min.) 2 CDs

Sopran liebt Tenor, ist aber mit Bariton verheiratet, der wiederum freundschaftliche Bande zum Tenor unterhält. Das ist der Stoff, aus dem die italienische Oper im 19. Jahrhundert ihre Konfektionswaren herstellte. Vieles davon ist heute zu Recht vergessen. Doch unter dem Schutt des Verworfenen liegt auch manches Kleinod verborgen. Gaetano Donizettis “Maria di Rohan”, 1843 in Wien erfolgreich uraufgeführt, ist ein musikalisches Juwel.
Auch Donizettis vorletzte Oper folgt dem skizzierten Schema. Es ist eine Dreiecksgeschichte, die für den Tenor Riccardo ein tödliches Ende nimmt. Das Ganze spielt sich im Frankreich Kardinal Richelieus ab, doch bleibt der historische Hintergrund nur Dekor. Maria di Rohan ist in erster Linie ein Liebes- und Eifersuchtsdrama, bei dessen melodischer Ausformulierung sich Donizetti auf der Höhe seiner Kunst befand. Und er hat, um den Figuren Tiefe zu geben, die strengen Formkonventionen der italienischen Oper sehr frei behandelt, sie dem dramatischen Geschehen voll angepasst. Viel später als erwartet setzt etwa Enricos Cabaletta ein: Eifersucht und das Verlangen nach Rache stauen sich erst einmal auf, um dann urplötzlich aus ihm hervorzubrechen.
Die Gesamtaufnahme entstand in Wien als Mitschnitt zweier Konzerte, bei denen das Radio-Sinfonieorchester Wien unter Elio Boncompagni mit viel Verve musizierte und trotzdem die melodischen Kantilenen sorgfältig ausmodellierte. Probleme gab es damals mit dem Tenor; kurzfristig musste Octavio Arévalo den Riccardo für einen erkrankten Kollegen übernehmen. Von seiner Nervosität merkt man auf der CD nichts mehr; in Korrektursitzungen konnte er seinen Vortrag perfektionieren, der durch ein angenehmes Timbre und eine schlanke Tongebung sehr für sich einnimmt. Nur den Spitzentönen mangelt es etwas an tenoraler Attacke. Farblos klingt Ettore Kim als Enrico - von den seelischen Erschütterungen dieser Figur macht er stimmlich nur wenig glaubhaft.
Das beherrscht dafür Edita Gruberova um so souveräner. Ganz aus der vokalen Linie heraus formt sie Marias Charakter, verleiht ihr mit schwebenden Piani die Aura einer sensiblen Frau, die im Gebet des zweiten Akts mit hingebungsvoll gesungenen Tongirlanden die himmlische Fürsprache ihrer verstorbenen Mutter erbittet. Das ist Belcanto-Kunst, wie sie heute ihresgleichen sucht.

Peter Blaha, 31.03.1997



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