Es ist 26 Jahre her, dass Edita Gruberova an der Wiener Oper als Lucia Sensation machte. Sie hat die Rolle über 200 Mal auf der Bühne verkörpert und bisher zwei Mal aufgenommen: 1983 (mit Alfredo Kraus: meisterlich), 1992 (mit Neil Shicoff: weinerlich). Seither spielt sie im von Regie-Konzepten dominierten Opernleben die Rolle einer Außenseiterin: die der Primadonna. Viele ihrer Belcanto-Rollen kann sie nur mehr konzertant präsentieren. Die neue "Lucia" basiert auf Mitschnitten von zwei Aufführungen im Festspielhaus von Baden-Baden (8. und 16. Juni 2002). Sie bietet das, was zu erwarten war: einen Artefakt von höchster Künstlichkeit, angepasst an die immer noch beachtlichen stimmlichen Mittel - freilich auf Kosten sich verselbständigender Manierismen, mit denen Schwierigkeiten camoufliert werden.
Unüberhörbar, dass der Ton unter Druck - vor allem bei den generös verstreuten Tönen im Altissimo - nicht ebenmäßig vibriert oder scharf klingt oder angeglitten wird; dass Pianissimo- und Messa-di-voce-Effekte durch exzessive Rubati (etwa in "soffriva nel pianto") vorbereitet werden. Mit einem Satz: Aus der Interpretation ist eine manieristische Demonstration geworden: ein Seiltanz auf Stimmbändern mit unfreiwilligen Momenten von Angstlust für den Hörer.
Das vokale Ambiente ist - von dem schön timbrierten, aber für einen romantischen Byron-Helden zu leichten José Bros als Edgardo abgesehen - ein Desaster: ein gaumig-enger, ständig distonierender, stilistisch dürftiger Bariton, ein hohl klingender Bass und ein Chor, der energisch versucht, nicht der italianità verdächtig zu werden. Klangtechnisch ist die Aufnahme matt geraten. Ein zwiespältiges Geschenk für EG-Fans.

Jürgen Kesting, 02.08.2003



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