home

N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



Die umjubelte russische Starsopranistin Anna Netrebko stand 2005 zwei Mal an der Wiener Staatsoper auf der Bühne in Donizettis "Liebestrank". Ein Event – und das in einer Inszenierung nach Otto Schenk. Ein Dauerbrenner der Donaumetropole seit 25 Jahren. An ihrer Seite ihr "Traumpartner", der mexikanische Tenorshootingstar Rolando Villazón. Auch der virile Ildebrando D'Arcangelo als Dulcamara war ein Rollendebütant. Grandseigneur Leo Nucci sang den ständig bramarbasierenden Sergeanten Belcore. Eine Extraklasse für sich. Dass diese in jeder Hinsicht gesanglich hochkarätige, optisch attraktive, schauspielerisch temperamentvolle und dank Alfred Eschwés Dirigat auch musikalisch mitreißende Produktion auf DVD festgehalten wurde, kann nicht genug gelobt werden, denn sie beweist einmal mehr: Wenn echte Profis zusammenkommen und Oper, zumal Komische Oper, jenseits aller Innovationsneurosen einfach nur als ein dem Werk entsprechendes Vergnügen darbieten, kann sie als ansteckendes Lebensaufhellungsvirus immer noch und immer wieder wirksam sein und Wunder wirken. Auch wenn sich Liebestränke als Plazebos erwiesen.
Nun ist die Opera buffa "L'elisir d'amore", die Donizetti in der unglaublichen Rekordzeit von nur zwei Wochen schrieb, eine der herzerwärmendsten und zugleich komischsten Liebesgeschichten der gesamten Opernliteratur, die keiner Aktualisierung und Kommentierung auf der Bühne bedarf. Nur so lässt es sich erklären, dass die uralte, liebevoll realistische Inszenierung Otto Schenks und seines Ausstatters Jürgen Rose mit ihrem hübschen Bilderbuchitalien, den historischen Kostümen und dem mediterran-blauen Himmel immer noch "zieht". Zumal, wenn, wie in diesem Falle, alle Mitwirkenden komödiantisch hochbegabte Sänger sind, die instinktiv wissen, was zu tun ist, um dem Sinn des Gesungenen, dem Geist der Musik, aber auch den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden.
Da überhört man gern den einzigen Wermutstropfen der Aufführung, dass die in einem abgelegenen Dorf lebende junge, reiche und belesene Gutspächterin Adina mit Anna Netrebko rein stimmlich eigentlich nicht optimal besetzt ist. Zu schwer, zu dunkel ist ihre Stimme inzwischen für diese Rolle, alles andere als ein leichter Koloratursopran. Bidù Sayão, Margerita Carosio, die junge Mirella Freni oder Ileana Cotrubas haben der Virtuosität und Kantabilität der Gesangspartie weit mehr Rechnung getragen. Aber La Netrebko macht den Einwand mit Charme und enormer darstellerischer Vitalität wett. Vor allem durch den zweiten Akt fegt sie wie ein Wirbelwind, der alles mitreißt, nicht nur Rolando Villazón. Er singt übrigens nicht nur perfekt die bäuerische Belcantopartie, er kann zum Vergnügen des Publikums auch noch perfekte Jonglierkunststücke mit Orangen vorführen. Und der Scharlatan Dulcamara, der als vermeintlicher Wunderdoktor Mittel gegen alle erdenklichen Leiden und Mängel auch und eben Liebestränke anbietet, und die Welt der Liebenden, die für einen Augenblick ins Wanken geriet, wieder ins Lot bringt, ist einmal kein alter, chargierender Operntattergreis, sondern ein höchst sympathisches, ja stattliches Mannsbild mit großer Stimme, ein Quacksalber im "Don Giovanni"-Format. Auch er ein begnadeter Buffodarsteller. Alles in allem demonstriert diese Wiener Aufführung, dass Oper als pures Vergnügen mehr als nur genug sein kann. Eine der gelungensten "Opera buffa"-Liveaufzeichnungen auf DVD.

Dieter David Scholz, 09.06.2007



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Sanfter Umbruch: Die Jahre als Kapellmeister beim Fürsten Ésterhazy weiß Joseph Haydn als Experimentierfeld zu nutzen. Das zeigen nicht nur seine fast planvollen Erprobungen im Bereich der Sinfonie, deren weltweit geschätzter Könner er werden wird, sondern auch die solistischen Einsätze und in diesen Jahren entstandenen Solokonzerte. Wie auch Mozart kannte Haydn die Solisten, für die er schrieb alle persönlich, es waren meist seine Kollegen in der Hofkapelle. Die beiden überlieferten […] mehr


Abo

Top