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Arnold Schönberg

Pierrot Lunaire, Kammersinfonie Nr. 1, Herzgewächse u.a.

Eileen Hulse, Anja Silja, Catherine Wyn-Rogers, Philharmonia Orchestra, Twentieth Century Classics Ensemble, Robert Craft

Naxos 8.557523
(73 Min., 5/1994 - 10/1998) 1 CD

Als Gustav Mahler 1906 die Arbeit an seiner "Sinfonie der Tausend" begann, um mit größtmöglicher Besetzung das "Universum tönen und klingen" zu lassen, ging Arnold Schönberg den radikal entgegengesetzten Weg. Mit seiner Kammersinfonie Nr.1 dünnte er nicht nur den Orchesterapparat auf gerade mal 15 Instrumente aus. Initialzündend für die Neue Musik, richteten sich nun die durchkonstruierten und bisweilen mehrfach kontrapunktisch angesetzten Dreh- und Stellschrauben dieses Einsätzers an den hellwachen Hörergeist. Und wie sehr Schönberg mit der hochromantischen Tradition weiter aufräumte, in der Mahler gleichermaßen mit seinen Orchesterliedern stand, ist in dem hochkomprimierten Lied "Herzgewächse" op. 20 von 1911 dokumentiert. Auf Worte von Maurice Maeterlinck sorgen nur Celesta, Harmonium und Harfe für einen gespenstisch kargen Klangraum, durch den sich die Sopranstimme tasten muss. In der von Robert Craft geleiteten Aufnahme gelingen der Sopranistin Eileen Hulse die höllischen Intervalle aber nicht nur mit atemberaubender Treffsicherheit. Diesen Mikrokosmos leuchtet sie mit einer gleißenden Intensität aus, dass einem Angst und Bange wird.
Und die Fortsetzung dieses schauerlichen Seelendramas folgt auf dem Fuße. Mit Schönbergs nur ein Jahr später porträtierten, nachtschwärmerischen "Pierrot Lunaire", in dem das Vokalgewebe weniger am seidenen als an spröden Faden hängt. Anja Silja bewegt sich in dieser asketischen und morbiden Welt mit ihrem minimalistisch eingesetzten, post-expressionistischen Klangfarbenspektrum erwartungsgemäß mit der nötigen, distanzierten Theatralik und gestaltet die in den Sprachgebilden verankerten, musikalischen Valeurs aufregend sinnlich. An dieses Niveau knüpft auch die Mezzo-Sopranistin Catherine Wyn-Rogers in den von schleppender Chromatik gezeichneten "Vier Orchesterliedern" op. 22 (1916) an. Nach all diesen fiebrigen Psychogrammen wirkt zum Schluss die Kammersinfonie Nr. 1 fast wie eine Hymne ans Leben. Zumal Craft das Twentieth Century Classics Ensemble zu rhythmischen Akzenten und pointierten Effekten animiert hat, als würde es sich hier um ein Werk von Strawinsky handeln.

Guido Fischer, 09.06.2007



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