Es ist nur recht und billig, dass die erste DVD von Schönbergs "Moses und Aron" aus Wien kommt – das Andenken des Komponisten zu pflegen, der hier 1874 als Sohn jüdischer Eltern geboren wurde, ist für die Staatsoper eigentlich lokalpatriotische Pflicht. Tatsächlich ehren die Wiener den Zwölftonmeister mit dem Kostbarsten, was sie besitzen: Der schwelgerische Edelklang der Philharmoniker scheint in jedem Takt das Vorurteil widerlegen zu wollen, diese Musik sei spröde und unsinnlich. Überraschend nahe rückt Schönbergs Partitur an die leuchtende, üppige Farbpalette der Orchestersprache seines Schülers Alban Berg heran – ein "Moses" aus dem ornamentalen Geist des Wiener Jugendstils. Ein wenig mehr hätte Daniele Gatti am Pult allerdings doch gegensteuern müssen: Aus dem Tanz ums Goldene Kalb haben andere Dirigenten schon mehr rhythmische Frechheit herausgekitzelt. Das Echo der roaring twenties ist hier nur mit viel Fantasie vernehmbar, und auch der mäßig laszive Ringelpietz, den die Inszenierung von Reto Nickler zur Götzenanbetung veranstaltet, dürfte kaum einen Staatsopernbesucher verstört haben. Nicklers Vermittlungsversuch zwischen NS-Zeit und Video-Ästhetik bleibt letztlich unentschieden, auch weil er nicht durch die Hauptdarsteller getragen wird. Franz Grundheber gibt den Propheten mit altmodischem Opernpathos und Thomas Moser bewältigt die heikle Tenorpartie des Aron zuverlässig, aber ohne markantes Charakterprofil.

Jörg Königsdorf, 09.06.2007



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