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Quartet (Dortmund) 1976

Anthony Braxton

Hat Hut/Harmonia Mundi 557
(57 Min., 10/1976) 1 CD

Diese Gruppe bestand nur ein halbes Jahr - ihr Kern aber war mit Braxtons kompositorisch und konzeptionell hochkomplexer, doch zumindest hier unmittelbar ansprechender Musik bestens vertraut: Dave Holland und Barry Altschul gehörten Anfang der siebziger Jahre mit Braxton zu Chick Coreas bedeutender Formation Circle, die Corea dann aus ideologisch-monetären Gründen zugunsten von Return To Forever auflöste.
Braxton setzte die Arbeit von Circle dann ohne Tasteninstrument, aber mit Kenny Wheeler als zweitem Bläser fort. Das kurzlebige Tandem mit dem ungewöhnlich erfindungsreichen Posaunisten George Lewis, mit dem er auch als Duo auftrat, eröffnete gleichzeitig eine klanglich neue Phase in seiner Quartettmusik, während der er mit einem Posaunisten (später Ray Anderson) die Frontline bildete.
Der Chikagoer George Lewis ist wie Anthony Braxton Mitglied der dortigen Musiker-Kooperative AACM. Wie beim Art Ensemble Of Chicago, dem namhaftesten AACM-Exponenten, gilt das Beherrschen oder doch zumindest Heranziehen der unterschiedlichsten Klangerzeuger als Ehrensache. Für den Multibläser Anthony Braxton ein Leichtes: Allein auf diesem hervorragend abgemischten Live-Album bedient er neben drei verschiedenen Klarinetten und seinem Hauptinstrument Altsaxofon das Sopranino- und das Kontrabass-Saxofon, also die beiden entgegengesetzten Enden der Saxofonfamilie - nicht aus Effekthascherei, sondern in hochvirtuoser, strukturell sinnvoller Manier. Trotzdem ist der Humor keineswegs aus der Musik verbannt: An einer Stelle klingen Braxton und Lewis, als würden sie sich geräuschvolle Küsse zuwerfen oder die Klangkulisse eines Zoos imitieren.
Obwohl die Spontaneität eine wichtige Rolle für ihr künstlerisches Gelingen spielt, hat Braxtons Musik wenig mit dem Free Jazz gemeinsam; nicht einmal das Etikett "Jazz" lässt er gelten. Ein musikalisches Erweckungserlebnis verdankt er Arnold Schönberg, auf dessen Musik er stieß, als er in Korea stationiert war. Seine Vorstellungen von Musik stehen Karlheinz Stockhausen, John Cage und anderen Zeitgenossen näher als den Klischees des Jazz; das klingende Ergebnis allerdings wurzelt nach wie vor fest im Boden afroamerikanischer Musik.

Mátyás Kiss, 21.02.2002



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