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Johann Sebastian Bach

Gambensonaten

Daniel Müller-Schott, Angela Hewitt

Orfeo C 693071 A
(54 Min., 7/2006) 1 CD

Da der heutige klassische Musikbetrieb mit einem Repertoire aus sechs oder mehr Jahrhunderten rechnet, bleibt einem modernen Interpreten nur die Wahl, sich entweder zu spezialisieren (etwa auf Alte Musik) oder aber das eigene Interpretationswissen und -vermögen bewusst sehr breit anzulegen. Wer sich für Letzteres entscheidet, wird sich in der Regel dann doch hauptsächlich in Klassik, Romantik und Moderne bewegen und allenfalls die barocke Musik hier und da noch "mitnehmen", ohne jedoch besonders viel Wert auf stilistische Historizität zu legen. In diesem Punkt bildet der junge Cellist Daniel Müller-Schott die lobens-, ja die bejubelnswerte Ausnahme: Sein Schwerpunkt liegt bisher tatsächlich im romantischen Bereich, in dem er mit großem, warmem und süffigem Ton ebenso zu begeistern versteht wie mit der dazugehörigen großen interpretatorischen Geste. Aber die Musik von Johann Sebastian Bach hat es ihm nicht minder angetan – so sehr, dass sie ihm eine echte, ehrliche und grundlegende Auseinandersetzung mit der barocken Tonsprache wert war. Das Ergebnis ist auf dieser CD zu bestaunen: Wir hören einen Bach, der auch jedem historisierenden Interpreten alle Ehre machen würde; Müller-Schott hat das barocke musikalische Vokabular, die inneren Spannungsverhältnisse der Motive und Themen sowie ihr organisches Miteinander zutiefst verstanden und aufgenommen. Er modifiziert seinen (immer noch warmen und höchst persönlichen) Ton zu einer flexiblen Schlankheit, die eine höchst sensible Ausgestaltung von Bachs verschlungenen melodischen Wegen ermöglicht – schöner kann man diese Musik wohl kaum zum Leben erwecken!
Mit der Kanadierin Angela Hewitt hat Müller-Schott eine neue musikalische Partnerin gefunden, mit der er hoffentlich noch oft im Duett zu hören sein wird: Hewitt kommuniziert (auf einem Fazioliflügel!) schlichtweg perfekt mit dem Cellopart. Nirgends protzt sie mit den dynamischen Möglichkeiten des Konzertflügels, sondern bändigt dieses klangschöne Spitzeninstrument vielmehr zu unprätentiös zarter kammermusikalischer Delikatesse, dabei im unteren und mittleren Lautstärkebereich immer wieder auch das Spektrum der vorhandenen Klangschattierungen nutzend. Wenn die Gambensonaten so gespielt werden wie auf dieser CD, dann kann man auch als Purist kaum guten Gewissens behaupten, ein Cembalo sei immer die bessere Wahl.

14.07.2007



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