Karlheinz Stockhausen

Freitag

Angela Tunstall, Suzanne Stephens, Kathinka Pasveer, Nicholas Isherwood u.a., Kinderorchester der Musikschule Leipzig, MDR Rundfunkchor, Chor der Oper Leipzig, Karlheinz Stockhausen

Stockhausen-Verlag Nr.50/A-D
(1992 - 2003) 4 CDs, Bezugsadresse: 51515 Kürten, Kettenberg 15; Fax: 02268-1813; www.stockhausen.org

Karlheinz Stockhausens sich zu Raumklangerlebnissen ausbreitende Schallschwingungskünste, die er schon 1956 mit seinem legendären "Gesang der Jünglinge" formulierte, sind nicht einfach dreidimensionale Überwältigungskulissen. Dahinter steckt eine handwerkliche Akribie, ein bisweilen naturwissenschaftlicher Umgang mit Frequenzen und Tönen, um mit diesen erforschten Musik-Phänomenen zu jenen riesigen Phantasieräumen zu gelangen, an denen er seit 1977 mit dem Musiktheater-Zyklus "Licht" baut. "Licht" - das ist mit seinen sieben Wochentagen kosmologisches Welttheater als Sinnbild des Göttlichen. Und für das Stockhausen mystische und okkulte Quellen zum ambitioniertesten, auf 30 Stunden angelegten Projekt der Musikgeschichte gemacht hat. 1996 wurde in Leipzig mit "Freitag" der fünfte Teilabschnitt uraufgeführt. Als Sinnbild der Versuchungen und Verführungen, als ein Kampf zwischen Eva und Luzifer, von sexuellen und kriegerischen Auseinandersetzungen.
So ausgiebig Stockhausen dabei seinen Ideenkonstellationen freien Lauf lässt und bisweilen seltsame Konturen gibt, so kompositionstechnisch zukunftsweisend ist der Großteil der Partitur. Und für die Stockhausen kein Orchester, sondern reichlich elektronisches Gerät, versierte Kinderstimmen und vor allem seine Erinnerungen braucht. Denn immer wieder lassen sich in den Klangströmen, phonetischen Zerkleinerungen und Neu-Kreationen Spuren aus vergangenen Kompositionen wie "Inori" wieder entdecken. Eingerahmt von zwei einsätzigen, riesigen Elektro-Schleifen, die gleichsam als Pforte in das Stockhausen-Weltall fungieren, bilden sich in den beiden Akten der "Freitag-Versuchung" faszinierend pandämonische Vokal-Spiralen, sich ständig häutende Instrumentalerfindungen und musikdramatische Formen von ungeheurer Abenteuerlust. Dabei lassen sich dann durchaus solche abstrusen Stockhausen-Analogien wie "Frau / Mann", "Auto / Rennfahrer", "Geige / Bogen" und "Arm / Drogenspritze" vergessen.

Guido Fischer, 20.12.2003



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