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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



Der Titel “Movie Madness” verspricht psychische Grenzerfahrungen, und vom CD-Beiheft fixiert uns mit dämonischen gelben Augen und zum drohenden Schrei weit geöffnetem Mund ein offenkundig schwer gestörter junger Mann. Dahinter verbirgt sich jedoch nicht etwa ein Soundtrack zu David-Lynch-Epen, sondern eine Zusammenfassung von Schmankerln aus diversen Filmmusiken von Dmitri Schostakowitsch, die von der Firma Capriccio im Laufe der Jahre veröffentlicht worden sind.
Nun wäre eine solche Zusammenstellung nicht weiter bemerkenswert, wenn sich nicht hier auf geballtem Raum die Doppelgesichtigkeit des Komponisten Schostakowitsch besonders sinnfällig zeigte. Schostakowitsch, der das Handwerk des Filmmusikers bereits in früher Jugend als Kinopianist erlernte, produzierte Filmpartituren in Akkordarbeit. Dies sicherte ihm das materielle und physische Überleben, denn es war das einzige musikalische Genre, in dem er von Stalin und dessen Kulturfunktionären anerkannt wurde. Daher zögerte Schostakowitsch auch nicht, sich in seinen Filmpartituren genau jener massenwirksamen Effekte des vorgeschriebenen “sozialistischen Realismus” zu bedienen, denen er sich in seinen Sinfonien und Quartetten stets verweigerte.
In Schostakowitschs Filmpartituren findet sich, im Gegensatz etwa zu denen Aaron Coplands oder Hans Werner Henzes, nur wenig von der ureigenen geistigen Physiognomie des Komponisten. Dessen ungeachtet sind diese Stücke stets auf hohem Niveau angesiedelt - auch dann, wenn sie sich auf dem Gebiet der leichten Muse oder gar der Schnulze bewegen. Als Könner wusste Schostakowitsch eben auch, wie er einen erstklassigen Gassenhauer zu schreiben hatte. Und einige der vorgestellten Nummern sind echte Ohrwürmer, die in jedem besseren Promenadenkonzert ihren Platz verdient hätten. Doch die Fröhlichkeit trägt stets eine Maske - den echten Schostakowitsch findet man woanders.

Thomas Schulz, 31.05.1997



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