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Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 7

New York Philharmonic, Kurt Masur

Teldec/Warner Classics 6 3984-21467-2 2
(5/1998) 1 CD

Die "Leningrader", Schostakowitschs Siebte, ist und bleibt ein problematisches Werk. Aus größter Not geboren, während der Belagerung von Leningrad, ist sie ein Dokument des Durchhaltewillens, eine "Volksrede an die Menschheit", ein Bekenntniswerk aus schwerer Zeit. Ein gewisses Pathos war unabdingbar, um sich zu artikulieren und die Menschen anzusprechen. Heute, da die Situation, in der diese Sinfonie zum ersten Mal erklang, nicht einmal mehr ansatzweise verstanden werden kann, ist es auch schwer, das Stück als absolute Musik zu goutieren.
Knackpunkt der "Leningrader" ist der Mittelteil des ersten Satzes, jene Horrorversion des "Boléro", in der, untermalt vom gleichbleibendem Trommelrhythmus ein bewusst banales Thema bis zum katastrophischen Höhepunkt gesteigert wird. Egal, ob Schostakowitsch damit nun den Einmarsch der Deutschen schildern wollte oder ob es ihm dabei, wie er später sagte, um eine Anklage gegen die Gewalt als solche ging: Die Musik geht unter die Haut und ist mit den Kriterien eines reinen "L'art-pour-l'art"-Ästhetizismus nicht zu messen. Ironischerweise wird sie von Vielen in erster Linie als Test für die Standfestigkeit ihrer Boxen herangezogen, zum Rausch an der Lautstärke. Und das ist nun wirklich nicht das, was der Komponist erreichen wollte.
Die große Stärke von Kurt Masurs Interpretation ist es, zu demonstrieren, wie viel musikalische Substanz bei aller teils von außen aufgepfropfter, teils auch von Schostakowitsch selbst hineinkomponierter Programmatik doch in dem Werk steckt. Detaillierter, nuancenreicher ausmusiziert als in dieser Live-Aufnahme ist die "Leningrader" selten zu hören; da stören auch die paar Huster nicht weiter. Die Marsch-Episode im ersten Satz zeigt ihre abschreckende Fratze, der langsame Satz wird innig auszelebriert, und im Scherzo werden die dunklen Töne deutlicher als je zuvor. Gewiss, diese hundertfünfzigprozentige Identifikation mit der Musik, wie man sie in älteren russischen Aufnahmen spürt, findet bei Masur nicht statt. Das geht jedoch in Ordnung, denn so kann man die "Leningrader" heute auch nicht mehr interpretieren. Masur ist auch zu ehrlich, um vorzutäuschen, das Finale befinde sich auf der gleichen kompositorischen Höhe wie der Rest der Sinfonie – eine weitere Stärke dieser Einspielung.

Thomas Schulz, 18.05.2000



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