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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Dmitri Schostakowitsch

Sinfonien Nr. 2 und 3, Suite aus "Der Bolzen"

Göteborger Sinfoniker, Chor der Göteborger Sinfoniker, Neeme Järvi

Deutsche Grammophon 0 28946 95252 8
(12/1996, 8/1999, 8/2000) 1 CD

Avantgarde und Agitprop - Schostakowitschs Zweite und Dritte Sinfonie sind merkwürdige Zwitterwesen: Aufregend kühne, revolutionäre und provokative Orchestermusik in den ersten zwei Dritteln, die den Komponisten auf der Höhe der Moderne seiner Zeit präsentieren, bombastische und plakative Sowjet-Propaganda mit Chor am Schluss. Schostakowitsch selbst konnte in späteren Jahren mit diesen Werken aus den zwanziger Jahren nicht mehr viel anfangen, und tatsächlich können beide Stücke heute in erster Linie historisches Interesse beanspruchen. Das ist umso bedauerlicher, als sich gerade in den einleitenden Teilen sehr viel lohnenswerte, teils sogar faszinierende Musik verbirgt, etwa der klangflächenartige Beginn der Zweiten, der Ligeti vorweg nimmt. Beide Sinfonien spiegeln in ihren besten Momenten etwas von der brodelnden Großstadtatmosphäre der Zwanziger - unabhängig von ihrem politischen Gehalt.
Neeme Järvi trifft in der für ihn typischen zupackenden und hemdsärmeligen Interpretationshaltung den revolutionären Tonfall der Werke recht gut, besonders in den irrwitzig chaotischen Passagen der Zweiten. Er wählt wesentlich zügigere Tempi als etwa Haitink (Decca), der - nicht unbedingt glücklich - die letztlich kaum vorhandenen sinfonischen Dimensionen der Musik herauszuarbeiten versucht. Järvi hingegen schafft Reibungsflächen, peitscht die jagende Kontrapunktik bis zum äußersten, dirigiert allerdings in der Dritten auch allzu flott über manch filigranes Detail hinweg.
Der Chor absolviert seinen Part in der Zweiten sehr ordentlich, in Nr. 3 jedoch klingt er unterbesetzt und überfordert, ein Umstand, der durch ein alles andere als adäquates Klangbild noch verstärkt wird – die Singstimmen sind viel zu weit im Hintergrund angesiedelt. Im Vergleich dazu singen die russischen Chöre unter Kondraschin (Melodia/BMG), als ginge es direkt anschließend zum Sturm auf das Winterpalais.
Zum Kennenlernen der kuriosen Stücke eignet sich die Aufnahme trotzdem sehr gut, nicht zuletzt wegen der substanzreichen Zugabe, der Suite aus dem Ballett "Der Bolzen": Das ist früher Schostakowitsch in Bestform: mitreißend, ironisch, grotesk, und da hier nicht gesungen wird, fällt der ideologische Teil für den Hörer weg.

Thomas Schulz, 18.01.2001



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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