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Dmitri Schostakowitsch, Peter Iljitsch Tschaikowski

Sinfonien Nr. 9 Es-Dur op. 70, Nr. 6 h-Moll op. 74

Symphonieorchester des BR, Sir Georg Solti

Arthaus Musik 4 006680 103020
(72 Min., 1990) 1 DVD

Man könnte, sehr verkürzt, den auf dieser DVD dokumentierten Dirigierstil auf zwei biographische Daten seines Trägers zurückführen: auf dessen ungarische Herkunft und die Assistenzzeit bei Arturo Toscanini während der Salzburger Festspiele 1937. Die Rede ist von dem 1912 als György Stern in Budapest geborenen, 1997 im französischen Antibes verstorbenen Georg Solti. Kaum ein Dirigent, mit Ausnahme seines genannten Mentors, vereinigte derart konsequent die beiden Fähigkeiten, gleichermaßen lodernder Befeuerer und unnachgiebiger "Disziplinator" eines Orchesters zu sein.
Zwar verleugnete der Bartók-Schüler und ausgebildete Konzertpianist nie seine Heimat, gleichwohl wurde Solti zu einem, vielleicht dem ersten wirklichen Kosmopoliten unter den Dirigenten des letzten Jahrhunderts. Auch wenn er in Chicago und London seine größten Erfolge feierte, so blieb er Deutschland doch immer eng verbunden (auch seinem persönlichen Trauma zum Trotz, als Jude vor dem ehemals vermeintlich größten Kulturvolk dieses Planeten fliehen zu müssen). Seine Gastauftritte insbesondere bei deutschen Rundfunkorchestern waren stets umjubelte Großereignisse, so auch der von 1990 im Münchener Gasteig (der Stadt übrigens, in der 1946 die Dirigentenkarriere Soltis mit einem symbolträchtigen "Fidelio" begann).
In keiner Sekunde des Mitschnitts glaubt man, einen 78-jährigen vor sich zu sehen: gegenüber diesem Wunder an Agilität, das federnd, mal geschmeidig, mal explodierend, immer höchst konzentriert wie ein Boxer im Ring agiert, wirken viele 40-jährige heutige Kollegen wie Greise. Zwar musste Solti zunächst noch, insbesondere im Eröffnungssatz von Schostakowitschs Neunter, gegen die Trägheit einiger BR-Musiker ankämpfen (die Decca-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern, ebenfalls von 1990, geriet da um einiges spritziger); doch spätestens mit dem Presto war dann auch die letzte "Normalität" des Orchesterbetriebes vertrieben und das Werk, das 1945 als monumentale Siegeshymne von Staats und Stalin wegen konzipiert werden sollte, geriet zu dem, was Schostakowitsch beabsichtigte: zu einer von beißendem, mitunter tragischem Spott verzerrten Hymnen-Parodie.
In Tschaikowskis "Pathétique" setzt sich diese Erwartungsenttäuschung auf interpretatorischer Ebene fort - glücklicherweise. Denn wer hier, in dieser autobiographischsten aller "Hit"-Sinfonien, ein Opus von triefendem Selbstmitleid und schwülstiger Schicksalsschwere erwartete, wurde von Solti brutal eines besseren belehrt. Wäre es nicht allzu paradox, so müsste man bei diesem Münchener von einem antiromantischen Tschaikowski sprechen. Mit rekordverdächtigen Tempi, harschen, knallharten Fortissimo-Entladungen, grellem Blech- und Schlagzeug-Einsatz vertrieb Solti jede falsche Schwelgerei. Dass er gleichwohl nichts an Emphase schuldig blieb, und das Werk gerade in dieser scheinbar nüchternen Sichtweise seine tragische Seite offenbarte, gehörte zu den Ausnahmekünsten dieses ständig selbst entflammten und andere entflammenden Ungarn.

Christoph Braun, 21.07.2006



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