Die Kritiker waren sich ausnahmsweise mal einig: Mit ihrer neuen "Lady Macbeth von Mzensk" war der Amsterdamer Oper der große Coup im Schostakowitsch-Jubiläumsjahr gelungen. Die Faszinationskraft, die diese Produktion bei der Premiere im Juni 2006 ausübte, ist dank einer sensiblen Filmregie auch noch auf DVD spürbar: Die minimalistische, auf jede folkloristische Verniedlichung verzichtende Bühne gibt die Figuren ebenso gnadenlos preis wie Schostakowitschs Musik. In ihrem Glaskäfig wirkt die trübselige Kaufmannsgattin Katerina wie eine Maus, die ihrem Schicksal ausgeliefert ist – keine hexenhafte Giftmischerin, sondern ganz im Sinne Schostakowitschs selbst ein Opfer. Die Verrohung von Katerinas sozialem Umfeld, die Martin Kusej mit einem an Ulrich Seidl-Filme ("Hundstage") erinnernden Scharfblick umgesetzt hat, kommt in den Closeups noch stärker zur Geltung als im Opernhaus: Vladimir Vaneev ist als Schwiegervater an Schmierigkeit kaum zu übertreffen, Christopher Ventris zeigt eindrucksvoll, wie das Elend auch den an sich ganz liebenswerten Sergej verdirbt, und Eva Maria Westbroek ist eine Katerina voller Liebessehnsucht, aber auch voller innerer Leere, unfähig, sich aus ihren Verstrickungen aus eigener Kraft zu befreien. Und Mariss Janssons, der vielleicht beste Schostakowitschdirigent unserer Tage, spielt mit dem mirakulösen Concertgebouw Orchester einen Schostakowitsch, in dem sich all diese Facetten der menschlichen Seele bis ins Kleinste wiederfinden. Eine Großtat.

Jörg Königsdorf, 15.02.2007



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