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Jean Sibelius

Sinfonien Nr. 1 und 4

London Symphony Orchestra, Colin Davis

RCA/BMG 09026 68183 2
(77 Min., 1994) 1 CD

Erst kürzlich legte Paavo Berglund seine Interpretation von Sibelius’ Vierter Sinfonie vor (siehe Kritik). Nun hat sich mit Sir Colin Davis ein weiterer großer Sibelius-Interpret dieser dunkelsten und herbsten Sinfonie des finnischen Meisters angenommen. Im Gegensatz zu Berglunds kammermusikalisch sachlicher Deutung präsentiert sich Davis’ Interpretation wesentlich expansiver und spannungsgeladener. Davis nimmt sich im ersten und dritten Satz mehr Zeit als sein finnischer Kollege, zeichnet formale Bögen mit meditativer Ruhe nach und erzielt eine viel größere dynamische Differenzierung vor allem im Piano und Pianissimo.
Besonders der Kopfsatz verströmt unter Davis’ Händen eine geheimnisvolle, bedrohliche Atmosphäre. Das Finale lässt er sehr rasch, beinahe etwas hektisch musizieren, und er drosselt in den letzten Minuten nicht, wie viele Dirigenten dies tun, das Tempo. Dies entspricht wohl der Partitur – und dennoch: So unwirsch und fast beiläufig, wie der Satz hier endet, büßt er einiges an innerer Logik ein. Hätte sich Davis für das allmähliche Zerbröckeln dieses Satzes etwas mehr Zeit genommen, trüge seine Aufnahme Referenzcharakter. Die Sinfonie Nr. 1 interpretiert Sir Colin kongenial und stellt, statt die zahlreichen Querverweise zu Tschaikowsky zu betonen, Sibelius’ Individualität in den Vordergrund.

Thomas Schulz, 28.02.1997



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