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Jean Sibelius

Violinkonzert, Sinfonie Nr. 2

Ginette Neveu, Philharmonia Orchestra, Walter Susskind, New York Philharmonic, John Barbirolli

Dutton Laboratories/Harmonia Mundi 9733
(71 Min., 1940, 1946) 1 CD

Das Frontbild - er lächelnd, sie lachend - suggeriert gemeinsam mit der Überschrift „Ginette Neveu John Barbirolli spielen Sibelius“, eine der großen Freundschaften gleichgesinnter Musiker im 20. Jahrhundert dokumentiere sich hier auch konzertant. Weit gefehlt, die 1949 bei einem Flugzeugunglück aus dem Leben gerissene Geigerin spielt das Violinkonzert mit Susskind in London, Barbirolli dirigiert die zweite Sinfonie in New York.
Der halbe Etikettenschwindel aber verdampft ganz rasch, wenn man die Platte hört: Die Achse Helsinki-London-New York funktioniert auf derselben Schwingungsebene, der staunende Hörer nimmt teil an einem Konzert, das klingt, als seien Sibelius, Neveu und Barbirolli nur für einander bestimmt gewesen. Der Beginn des Violinkonzerts, schiere Klangmagie; eine Magie, die sich in der zweiten Sinfonie fortsetzt, Barbirolli interpretiert mit genau der kontrollierten Impulsivität, die aus Sibelius’ kleinzelliger Bauweise ein von mal fiebriger, mal zarter Emotion durchglühtes Ganzes macht.
Erstaunlich, wie viel Wärme aus dem hohen Norden kommt, Henryk Szeryngs zu Recht gerühmte Aufnahme des Violinkonzerts wirkt dagegen nüchtern, ein Referat mit Fachinger. Und von der zweiten Sinfonie gibt es zwei Hände voll guter Aufnahmen, sogar Karajan ist dabei, aber Barbirolli (der sie insgesamt wohl fünf Mal eingespielt hat, öfter als sonst was) hat eine Art, in ihre verstecktesten Winkel zu leuchten, ohne ihr Geheimnis zu verraten, und gleichzeitig sie „aus dem Moment heraus“ entstehen zu lassen, als sei die Verschlüsselung per Noten in diesem Fall gar nicht nötig gewesen, Sibelius hätte nur gesagt: „Mir schwebt da ein Thema vor – und jetzt macht.“
Das ist eine romantische Vorstellung vom Musizieren, natürlich nicht einlösbar für ein Ensemble von achtzig oder hundert. Aber manches Mal gelingt’s - das heißt, dann wirkt es so. Schade natürlich, dass nicht Barbirolli Neveu begleitet, sondern der etwas akademischere Susskind: Aber egal, die Platte ist Gold wert. Zumal Michael Dutton die beste Aufbereitung des Klanges gelingt: Er lässt lieber mal was stehen, als dass er vom Eigentlichen etwas abknappst.

Thomas Rübenacker, 12.09.2002



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