Patriotische Kantaten sind wohl so ziemlich das letzte, womit sich der politisch korrekte Hörer von heute anfreunden kann. Dennoch sind die Werke dieser CD nicht nur historisch interessant. Denn zum einen führte das erstarkte finnische Nationalbewusstsein 1917 zur Geburt eines modernen Staates inklusive Frauenwahlrecht, zum anderen kennzeichnet Sibelius' Heldengestalten oft eine leichte ironische Brechung, die sich Deutsche oder Franzosen nie erlaubt hätten. Lemminkäinen, der mythische Lieblingsheld des jungen Sibelius, ist zugleich ein Frauenheld, woran die thematische Verwandtschaft der Kantate zu der berühmteren "Lemminkäinen-Suite" mutwillig erinnert. Mit Witz und Feuer erzählt Sibelius auch vom zaudernden General Sandels, der sich durch die Kriegshandlungen nicht bei seinem Frühstück stören lässt. Die mit effektvoller Orchestermalerei inszenierte Kantate "Snöfried" bekommt trotz des Pathos eine komische Note: Denn das Stück, das die "edle Armut" des Kämpen Gunnar feiert, wurde zu einer Tombola geschrieben, mit deren Hilfe das notorisch klamme Komponistentalent die Schulden einer Paristournee zu tilgen suchte. Leider fallen die trieftextigen hymnischen Spätwerken "Oma maa", "Väinön Virsi" und "Maan virsi" gegenüber den packend erzählten frühen Kantaten ab: einmal, weil Sibelius seinen Vokalsatz nicht in dem Maße weiterentwickelte und personalisierte wie seine sinfonische Sprache, und zum anderen, weil Järvi und seinen Ensembles der spätromantisch-dramatische Impuls mehr liegt als das klangsensible Durchleuchten der spröderen Texturen des Spätwerks.

Carsten Niemann, 09.08.2003



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