Charles Mackerras' neuer “Fidelio” wird eingerahmt von der “Fidelio”-Ouvertüre, die Beethoven für die letzte Version der Oper 1814 komponierte, und der “Leonore III”, die gewöhnlich zwischen Kerker- und Schlußszene plaziert wird. Bestünde die Aufnahme nur aus diesem “sinfonischen” Rahmenprogramm, dann müßte man sie als Sensation feiern: Denn was das hervorragend eingestellte, in schlanker, “historischer” Besetzung (mit sechsundvierzig Musikern) operierende Schottische Kammerorchester hier an Präzisionsarbeit und dramatischer Attacke, an kammermusikalischer Feinarbeit und lupenreiner Intonation abliefert, das stellt selbst den Perfektionsdrang so renommierter Beethoven-Experten wie John Eliot Gardiner oder Nikolaus Harnoncourt, ja gar den unerbittlichen Toscanini und seine Referenzversion von 1944 in den Schatten.
Leider durchkreuzen die insgesamt mäßigen Leistungen des allzu “reifen” Sänger-Ensembles die hehren musikalischen Ziele des zweiundsiebzigjährigen Dirigenten und seiner Musiker, und man fragt sich, wie ein solches in sich widersprüchliches Projekt überhaupt so zustande kommen kann.
Außer den beiden jüngeren Akteuren Ildikó Raimondi (Marzelline) und John Mark Ainsley (Jaquino), die noch einigermaßen mithalten können mit dem “Sturm und Drang” aus dem Orchestergraben, scheinen sich die Protagonisten im falschen Stück zu befinden und klammern sich, bieder bis schwerfällig, an ihre alten, muffigen Rollenklischees von vorgestern, von den eklatanten technischen Problemen ganz zu schweigen. In den Dialogen streift die radebrechende Unbedarftheit ihrer Rollenprofile gelegentlich schon die Grenzen des Albernen. Die Aufnahmetechnik dagegen ist vom Feinsten und reproduziert die vokalen Mängel besonders eklatant.

Attila Csampai, 30.03.1998



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