Die Neunte war immer die Crux, gerade bei Beethoven und gerade für die “historisch-kritischen Originalklängler”. Norrington, Harnoncourt und Gardiner nahmen sie als letzte auf im Zyklus, bei allen dreien blieb sie die schwächste Tat. Philippe Herreweghe dagegen fängt mit der Neunten an - als ob alles andere danach leichter würde.
Und natürlich klingt sie “leichter”, nicht so sehr als Schwesterwerk der “Missa Solemnis” wie bei Klemperer. Der Beginn ist nicht “ahnungsvolle Ursuppe” wie bei Furtwängler, sondern nervöses Drängen, Vorwärtsdrängen wie bei Toscanini. Die Temporelationen stimmen, der Klang wird auf höchstmögliche Transparenz hin organisiert, die Artikulation streift bisweilen das Pedantische - streift es aber nur!
Und doch erhebt sich irgendwann die Frage, ob ein Werk der Geschichte diese Geschichte nicht auch mit sich trägt, als Wachstumsprozeß, dem jede menschliche Äußerung unterworfen ist. Verlieren wir nichts an Reife, Wissen, Gedankentiefe, da doch Beethoven das Werk nicht gerade gestern erst für uns komponierte? Ja, es ist seltsam, dass gerade diese so liebevoll-genaue, spannende und in sich überzeugende Interpretation eine solche Frage aufwirft ...

Thomas Rübenacker, 19.03.1999



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