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Ludwig van Beethoven

Alle Klaviersonaten auf Instrumenten der Entstehungszeit

Malcom Bilson, Tom Beghin, David Breitman, Ursula Dütschler, Zvi Meniker, Bart van Oort, Andrew Willis

Claves/Disco-Center 50-9707/10
10 CDs

Ein wahrhaft aufsehenerregendes Projekt: Sieben Pianisten aus sieben Ländern spielen das "Neue Testament der Klaviermusik" auf neun verschiedenen Hammerflügeln. Wenn Malcolm Bilson, Mentor der Aufnahme, im Vorwort des vorbildlich ausgestatteten Beihefts vom Versuch neuer Verständniswege und Ausdrucksmöglichkeiten dieser monumentalen Schöpfungen schreibt, dann greift er nicht zu hoch.
Der Klang des Hammerflügels dürfte im Zuge der historischen Aufführungswelle inzwischen auch dem breiteren Publikum bekannt sein. Und doch frappiert gerade hier in dieser Aufnahme, was die unmittelbaren Vorläufer unseres Konzertflügels an Klangabstufungen parat halten, vor allem wenn sie derart mitreißend in Szene gesetzt werden wie hier von Bilson, Tom Beghin, David Breitman, Ursula Dütschler, Zvi Meniker, Bart van Oort und Andrew Willis.
Vor allem die dynamische Bandbreite der "Alten" ist ein Ausrufungszeichen der Einspielung. Der grundsätzlich verhaltenere, vor allem in höheren Lagen zerbrechlichere Ton des Hammerflügels kommt zwar gegen das Volumen eines Steinway nicht an; der Kontrast aber zwischen seinem hingehauchten Pianissimo und donnernden, gleichwohl sonoren und obertonreichen Fortissimo ist weitaus größer als beim modernen Nachfolger.
Keiner der sieben historischen Interpretations-Spezialisten verschenkt etwas von Beethovens Schroffheiten, dämonischen Rasereien, ja Brutalitäten, so etwa in den Schlußsätzen der "Mondschein"- (Bilson), der "Appassionata"- (Meniker) und der "Hammerklavier"-Sonate (gerade sie offenbart geradezu physisch, wie Beethoven an die Grenzen der Belastbarkeit von Material und Spieler geht – phänomenal in diesem Titanenkampf: Andrew Willis). Mehr noch: Alle sieben Pianisten scheinen sich eine teuflische Freude daraus zu machen, den gerade im Pianissimo entrückten Hörer per Sforzato-Explosion katapultartig in die Höhe schnellen zu lassen (beispielhaft hierin Ursula Dütschlers fulminante "Pathétique").
Nicht minder bestechen die perlenden, kristallklaren Läufe und Akkordkaskaden – sie machen Bart van Oorts "Waldstein"-Sonate zum brillanten Bravourstück und Bilsons op. 2 Nr. 1 zum virtuos-filigranen Initialstück der fünf Doppel-CDs. Überhaupt: Was Transparenz angeht, lassen die Instrumente jeden modernen Flügel alt aussehen. Da mag das polyphone Gewühl oder der Akkordsatz noch so dicht sein, Beethovens Stimmführung läßt sich beim "Zeitgenossen" weit müheloser folgen als beim "modernen Bruder".
Erst recht gegenüber den Intimitäten und Klangfarbenwechseln seiner Vorfahren zieht der moderne Flügel den kürzeren: Die Hammerklaviere besitzen verschiedene Registerzüge und Pedale mit einigen Tuch- und Verschiebe-Dämpfern, mit denen sich die langsamen Sätze höchst apart dämpfen und aufhellen, insbesondere aber Beethovens Crescendi und Diminuendi weit sinnfälliger als heute üblich gestalten lassen. Dann wird auch Beethovens berüchtigte Anweisung für das "Mondschein"-Adagio sinnvoll: Spielt man nämlich, wie gefordert, "dieses ganze Stück mit angehobenem Dämpfer", also mit durchgehendem Pedal, so kommt beim modernen Instrument ein Nonsens-Klangbrei heraus, hier aber, bei Bilsons Wolf-Schantzschem Exemplar, ein gespenstisch fahles Traumstück, in dem das klagende Motiv immer wieder schemenhaft hervor- und wieder abtaucht: gruselig!
Wie sehr die Dämpfungsmechanik den cantabile- und molto-espressivo-Anweisungen Beethovens zugute kommt, demonstriert Tom Beghin mit subtilen Harfen-Registern im sphärischen Variationen-Abgesang von op. 111. Doch nicht erst im Spätwerk tritt die eminent gestische, von großem Atem getragene Gestaltungskraft zutage, die die (relativ) jungen Interpreten Beethovens Werken angedeihen lassen. Wollte man schließlich auch einem der "Werkzeuge" einen Meistertitel vergeben: auf alle Fälle (Johann) Fritz!

Christoph Braun, 28.02.1998



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