Responsive image
Richard Strauss

Der Rosenkavalier

Felicity Lott, Kurt Moll, Anne Sofie von Otter, Barbara Bonney u.a., Wiener Staatsopernchor, Orchester der Wiener Staatsoper, Carlos Kleiber

Deutsche Grammophon 073 008-9
(193 Min., 1994) PCM-Stereo; NTSC 4:3

Diese Aufnahme ist zu Recht berühmt, und keiner weiß so genau, warum Carlos Kleiber den Soundtrack nicht als CD freigegeben hat. Nun, immerhin, gibt es den Fernseh-Mitschnitt als DVD - das heißt, wir haben den Klang (es ist natürlich keiner aus dem Studio), und wir könnten das Bild zur Not schwärzen. Das wäre allerdings verfehlt, denn das Auge findet in dieser Produktion ebenfalls viel Schönes - das weniger Schöne lässt sich dafür in Kauf nehmen.
Zuerst einmal: Es ist nicht nur ein großes Vergnügen, Carlos Kleiber und die Wiener Philharmoniker zu hören, sondern auch zu sehen, mit welcher Wonne, welchem Scharm, welcher Chuzpe der Mann das dirigiert! Kein Wunder, dass mit Abstand das meiste, was er macht (und das ist insgesamt recht wenig), Referenzstatus hat. Das erreicht man nicht einfach, indem man sich rar macht. Und zweitens: Hier haben wir eine Schwedin, eine Britin, eine Amerikanerin, die unsere drei österreichischen Dirndln in wechselnder Altersklasse und Geschlechtszugehörigkeit ideal verkörpern - Felicity Lott ist Straussens und Hofmannsthals Marschallin, eine schöne Frau von zirka zweiunddreißig, deren Torschlusspanik niemand versteht, deren reife Resignation jeder. Gerade ihre Resignation hat den allergrößten Scharm ...
Anne Sofie von Otter bewegt sich sexy und herrlich androgyn in der Haut des Jünglings Octavian; und, als Zofe "Mariandl", sogar komisch. Dann Barbara Bonney, das Mädel, das den Jüngling kriegt, zu Ungunsten der Marschallin: Für sie spricht ihre Jugend und dass sie schön singt. Auch das Geld ihres Vaters sagt nichts gegen sie. Eigentlich ist sie ein Hascherl und wird von ihrem Bräutigam mit großer Wahrscheinlichkeit bald verlassen werden oder betrogen - Fräulein Bonney als Sophie verkörpert sozusagen bereits die Fortsetzung der Oper, sie zeigt, wo’s danach vermutlich langgeht.
Das kann man gar nicht planen, das ergibt sich höchstens. Womit wir bei dem wären, was eher ungeplant verstört. Der Ochs, zum Beispiel, ist die (Gott sei Dank relativ gezügelte) Dampfnudel des Klischees. Kein rauer, immer noch jugendlicher Haudruff-Scharmeur, wie Walter Berry ihn so unvergleichlich verkörperte ("Küss’ die linke Pobacke, gnä’ Frau!"), sondern der in seinen Fettpolstern behäbig ruhende "dirty old man", den man auch sonst hier immer sieht.
Das Palais der Marschallin, entworfen von Rudolf Heinrich - düster wie Blaubarts Burg, oder gleich wie Schloss Dracula. Das zweite Bild, der lächerliche Protz des neureichen Bürgerhauses, passt viel besser; ebenso die Geisterbahn-Schenke im dritten Akt. Auch die Auftritte des Sarotti-Mohren, von Kennern der Oper mit sanft übertriebener Spannung antizipiert, enttäuschen. Der Kerl ist viel zu groß und sieht aus wie eine Stehlampe. Hat wohl alles damit zu tun, dass auf der Hülle steht: "Basierend auf einer Inszenierung von Otto Schenk". Aha. Basierend auf.
Aber auch das formuliert eine Besonderheit dieser Oper: Auf die Inszenierung kommt es gar nicht so an. Man kann den "Lohengrin" in einer Klippschule spielen lassen, und selbst die "Carmen" ist in der Welt der Börse nicht so fehl am Platze. Aber der Rosenkavalier als Asylbewerber oder die Marschallin als Präsidentin des Bundestags - nein, das muss schon in dem fiktiven Rokoko verbleiben, das Strauss und Hofmannsthal hier kühn behaupten. Es kann keine "Neudeutung" des "Rosenkavaliers" geben. Lediglich ein bisschen mehr Personenregie.
Wenn diese wunderbaren Sängerinnen/Schauspielerinnen in stereotypisierte Bühnenbewegungen verfallen, weil zwar x Regisseure das mit ihnen geübt haben, aber keiner verbindlich für diese Aufnahme - das tut weh. Nur, wie gesagt: Das Gute hier ist so fantastisch gut, dass letztlich kein Weg an der Aufnahme vorbeiführt. Oder haben Sie je einen "Rosenkavalier" gesehen, bei dem alles stimmte?

Thomas Rübenacker, 16.09.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

God Save the King, Rule Brittania, Tochter Zion. Was findet man nicht alles im Beethovenschen Œuvre, genauer gesagt unter den Variationswerken, wenn man nur ein bisschen in dem gräbt, was üblicherweise nicht zur Aufführung gebracht wird. Und so ist diese Gesamteinspielung der Werke Ludwig van Beethovens für Violoncello und Klavier von Nicolas Altstaedt und Alexander Lonquich zuallererst repertoiretechnisch interessant. Zumal sie die gesamte stilistische Bandbreite im Schaffen Beethovens […] mehr »


Top