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Richard Strauss

Ein Heldenleben; symphonische Fantasie aus “Die Frau ohne Schatten”

Rainer Honeck, Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann

DG/Universal 28947 41922
(69 Min., 9/2002) 1 CD, Live-Aufnahme

Darf man‘s sagen (überdies ausgerechnet bei diesem Werk und diesem Dirigenten)? Natürlich ist es eine vorurteilsvolle Verallgemeinerung, aber wenn Ernsthaftigkeit, Tiefsinn und Pathos gepaart mit Detailgenauigkeit ”deutsche” Eigenschaften sind, dann ist die Art, wie Christian Thielemann Straussens monumentales ”Heldenleben” präsentiert, typisch ”deutsch”. Ist das nun gut oder schlecht? Was die Transparenz der Riesenpartitur angeht, so muss man dem Berliner Generalmusikdirektor schlichtweg Bewunderung zollen: So akribisch hat noch keiner der namhaften Strauss-Exegeten der letzten fünfzig Jahre, auch nicht Strauss selbst, diese größte seiner Tondichtungen in ihrer rhythmischen und harmonischen Vielschichtigkeit und Klangfarbenpracht durchleuchtet. Selbst ”des Helden Walstatt”, dieses exzessiv kontrapunktische Schlachtengetümmel, in dem unser ”Held” seine Feinde (also des Komponisten Kritiker) in die Flucht schlägt, selbst in diesem infernalischen Tohuwabohu verliert Thielemann nie die Details aus den Augen.
Ergötzt man sich normalerweise an der großen Geste dieses siebenteiligen, zur weihevollen "Vollendung” strebenden "Helden”-Epos, so zwingt Thielemann den Hörer förmlich, den Blick auf die kompositorisch-handwerkliche Meisterschaft dieser höchst komplexen Partitur zu richten und - zunächst einmal - das bedeutungsschwere Beiwerk außen vor zu lassen. Aber dieses Beiwerk - vor allem die Frage, ob Strauss ein idealistisches, von nietzscheanischer "Übermenschen”-Mode der Zeit inspiriertes, wilhelminisches Bombast-Gemälde oder doch eher eine selbstironische Autobiographie verfaßt hat - verlangt bald nach Antworten, gerade bei Thielemann. Denn dessen "Helden”-Schau ist nicht nur eine akribische, sondern auch eine schwergewichtige, überaus "ernste”. Schon mit seinen bedächtigen Tempi, mithin seinem wenig ausgeprägten Vorwärtsdrang (den z.B. Strauss selbst oder auch Reiner und Solti auszeichnnen) und einem geradezu mondänen Auskosten der strahlenden Höhepunkte stellt sich der Berliner Jahrhundertwende-Spezialist eindeutig auf die Seite jener Exegeten, die Strauss‘ imaginierten Helden ganz ohne ironische Anführungsstriche sehen und glorifizieren.
Ist dies "deutsch”? Romain Rolland bejahte dies, als er in diesem “Heldenleben” die deutsche, von wilhelminischem Größenwahn getriebene Nation zu hören glaubte: "Es gibt Keime einer Krankheit in Deutschland: ein Delirium der Arroganz, ein Selbstglaube und ein Hass für andere ... Die grandiose Musik von Richard Strauss hat heute diesen Anklang.” Ob dies nun stimmt oder nicht: Thielemann ist das (selbst-)ironische Moment der Strauss‘schen Konzeption fremd. Dies zeigen vor allem Passagen in "des Helden Widersacher”: hier führt Strauss seine Kritiker regelrecht vor mit wild-chaotischem Gequake und Gezeter, Thielemann hingegen nimmt alles geradezu "wörtlich” genau, betulich, "ordentlich”, ja pedantisch - von Strauss‘ Intentionen des Übertriebenen, ja Grotesken kaum noch eine Spur.
Was hingegen gelang, ist die Charakterisierung der "Gefährtin” des "Helden”: Rainer Honeck zeichnet sie in seinem Solo mit viel wienerischen Schmankerln, kleinen Rubati und Kapriolen als launisch kapriziöse Komponistengattin.
Bei der "Weltflucht und Vollendung des Helden” bin ich hin und her gerissen: Soviel Klangsinn und Langatmigkeit im positivsten Sinn, wie sie Thielemann zelebriert, verleiht dieser Selbstinszenierung des Komponisten geradezu grandiose Züge, die sogar Karajan neidisch gemacht hätten.
Die "Zugabe” schließlich, die gut zwanzigminütige symphonische Fantasie aus "Die Frau ohne Schatten”, offenbart zwar (wiederum) eine Orchesterkultur auf höchstem Niveau - was hier bei aller Üppigkeit auch kammermusikalische Finesse bedeutet; aber dem Werk - ein Ende 1946 geschriebenes Potpourri der gängigsten Melodien der dreißig Jahre zuvor konzipierten märchenhaften Oper - kann ich nicht viel abgewinnen. Was hängen bleibt, ist allenfalls die Frage, wie jemand anderthalb Jahre nach dem Nazi-Wahn und -Terror mit solchen Schwelgereien aufwarten kann. Verständliche Flucht aus der fürchterlichen Realität oder doch "nur” Strauss-typische Geschäftstüchtigkeit? Wohl beides.

Christoph Braun, 18.10.2003



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