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Triplicity

Albert Mangelsdorff

Skip/Soulfood SKP 9052
(77 Min., 4/1979) 1 CD

Es ist meist größte Vorsicht angebracht, wenn Plattenfirmen plötzlich unerwartet gehobene alte Schätze anpreisen. Oft ist nur jemand zu Rechten an einem Material gekommen, das in der Versenkung ganz gut entsorgt war. Wenn es sich allerdings um Mitschnitte öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten handelt, dann weiß der Kenner, dass es da gelungen ist, den mit strenger Jurisprudenz gewappneten Justiziaren seltene, von Redaktion und Technik hingebungsvoll realisierte Produktionen zu entreißen. Die Triplicity-Session von Albert Mangelsdorff ist so ein Fall. Der unvergleichlich kenntnisreiche Michael Naura führte 1979 für einen der legendären NDR-Jazzworkshops den deutschen Posaunisten, der damals im Zenit seiner atemberaubenden technischen Möglichkeiten und seines kreativen Schaffens stand, mit dem norwegischen Bassisten Arild Andersen und dem Schweizer Schlagzeuger Pierre Favre zusammen. Arild Andersen hatte den kraftvoll bewegten Bass-Sound eines Charlie Haden mit virtuoser Doppelgrifftechnik die tänzelnde Leichtigkeit der nordlichternden Art beigebracht, und Pierre Favre hatte voller Selbstwertgefühl die Sicherheit im Max-Greger-Orchester gegen die eigene Identitätssuche eingetauscht und sich dabei zu einem äußerst sensiblen Schlagwerker der europäischen Avantgarde entwickelt. Drei Individualisten trafen also zum genau richtigen Zeitpunkt ihrer Karriere an einem förderlichen Ort aufeinander. Vieles, was heute im Posaunenspiel selbstverständlich erscheint, wurde von Albert Mangelsdorff entwickelt: zunächst der logisch ausgreifend motiventwickelnde Diskurs mit dem typisch klaren, an ein Horn gemahnenden Ton, und dann zu Beginn der siebziger Jahre das mehrstimmige Spiel, das er stets dem Diskurs unterordnet. Aus melodisch und rhythmisch konzise strukturierten Motiven entwickelten die drei Musiker intensivste und höchst sensible Interaktionen, deren Spannung in einem großen Bogen über die Gesamtdauer des Konzerts anhielt und auf der CD nun endlich auch für den Rest der Welt nachvollziehbar ist.

Thomas Fitterling, 18.06.2005



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