Responsive image

Music Stories

Thanos Mikroutsikos

Blue Note/EMI 584 777-2
(53 Min., 11/2001) 1 CD

Muss Neue Musik immer zerrissen sein? Eigentlich nicht. Thanos Mikroutsikos schrieb für ein Streichorchester und den Jazzvibrafonisten Gary Burton ein sechssätziges Konzert, in dem er das Vibrafon in sechs grundverschiedene Stimmungen bettet. Dabei tappt er nicht in die Falle des Crossover, indem er seinen eigenen, in der griechischen Volksmusik und deren Melodien verwurzelten Stil verlassen hätte. Er bleibt sich treu, und er serviert dem Jazzer kein Jazz-Derivat. Gary Burton wiederum ist so weise, jegliche Anklänge an den swingenden Jazz zu meiden. Er bleibt, was er ohnehin in seinen Duoprojekten mit den Pianisten Makoto Ozone oder Chick Corea ist: Ein perfekter Kammermusiker, der sich eng an den Notentext hält. Da beide kein Zwischen-Genre suchen, wirkt die Musik echt und glaubwürdig. Der erste, mystisch flirrende Satz findet in fröhlichen, fast tänzerischen Rhythmen des zweiten einen Widerpart. Der dritte räumt Gary Burton zunächst großen Raum ein, mit dem Vibrafon eine dichte, harmonische Welt zu etablieren, in die sich das Orchester eher untermalend mischt, die später jedoch brüchig wirkt. Fest und stark kommt der vierte daher, und der fünfte entwickelt sich aus zögerlichen Klängen zu lyrisch-mystischem, vollem Klang. Aus Trommelwirbeln steigen schließlich im sechsten Satz kraftvolle, den Raum einnehmende Orchestertutti. Dass manche Passagen an Filmmusik erinnern, ist verständlich: Thanos Mikroutsikos hat auch in diesem Genre Erfahrungen. Es gibt also tatsächlich noch etwas anderes als Zerrissenheit. Thanos Mikroutsikos spielt einfach mit der Schönheit von Klängen und Themen, und das zu hören, ist ein Vergnügen. Das zweite Stück der Platte, ein sechzehnminütiges Duo in drei Sätzen für Altsaxofon und Elektrobass ist eine Studie für die Möglichkeiten dieser zwei Instrumente, besitzt aber nicht die emotionale Kraft des Orchesterwerks.

Werner Stiefele, 03.07.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top