Ob das schlichte Cover Unschuld und Reinheit suggerieren soll? Jos van Immerseel verspricht jedenfalls die Neunte in Reingestalt: frei von den hundertfünfzig Jahre lang verinnerlichten romantischen "Bearbeitungen" à la Wagner; stattdessen die Originalpartitur aus der Hand des Beethoven-Kenners Jonathan del Mar. Das alles besorgt Immerseel natürlich auf dem letzten Stand historischer Aufführungspraxis mit knapp sechzig Instrumenten der Beethoven-Zeit, mit zeittypischen Phrasierungspraktiken und Beethovens Akzentsetzungen.
Schon Abbado, Gardiner, Zinman und Herreweghe haben diesen neuen, d. h. alten, bereinigten Beethoven eingespielt. Der Platz um den Klassik-Olymp herum ist also kein leerer mehr, zumal die Genannten bei aller Partiturtreue auch die emotionale Herausforderung dieses Werks gemeistert haben - ganz zu schweigen von den Altmeistern Furtwängler und Leibowitz. Darf sich Immerseel zu den Platzhirschen hinzugesellen? Er darf - allerdings mit etwas Abstand. Was besticht, ist die Durchhörbarkeit der Stimmen, die auch in den berstenden Tutti-Schlägen keinen Schaden nimmt. Bei den bedächtigen Tempi aber stellt sich Enttäuschung ein: sind das Beethovens Metronomangaben? So jedenfalls kennt man die Neunte schon lange; vor allem den nach wie vor heiß diskutierten Presto-Mittelteil des zweiten Satzes nimmt Immerseel fast konventionell langsam. Sieht man von der Prestissimo-Coda ab, bei der Furtwängler das Maß aller Dinge bleibt, so kommt die bedächtige Tempowahl allerdings dem Finale zu gute: machtvoll, gravitätisch präsentiert sich der Chor in diesem aufklärerischen Menschheitshymnus. Dem vorzüglich intonierenden Solistenquartett hätte man allenfalls einen voluminöseren Tenor gewünscht.
Im Gegensatz etwa zu Zinman offenbart Immerseel keinen roten Faden, der die dämonischen d-Moll-Verhängnisse der beiden ersten Sätze, das erlösende Adagio und das hymnische Finale miteinander verknüpfen könnte. Zu sehr konzentriert sich Immerseel auf das Ideal einer in der Tat berückend verwirklichten Klangsinnlichkeit, als dass Beethovens existentialistisch-utopisches Ringen mitsamt seinen Erlösungssehnsüchten adäquat nachempfunden worden wäre.

Christoph Braun, 15.06.2000



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