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Both Sides Now

Joni Mitchell

WEA 9362-47640-2
(51 Min.) 1 CD

Ist Joni Mitchell nun ganz in den Jazz hinüber gewechselt? Vielleicht, denn eine Affinität zu dieser Musik besaß die nach wie vor bedeutendste Sängerin und Songwriterin seit jeher. 1979 etwa fügte sie einigen Kompositionen des eben verstorbenen Charles Mingus auf dessen Wunsch Gesangstexte hinzu ("Mingus“, Eastwest). Vor anderthalb Jahren präsentierte sie sich auf Herbie Hancocks "Gershwin's World" erstmals als ernst zu nehmende Jazzinterpretin: Ihre an den Stil Billie Holidays angelehnten, grandiosen Interpretationen von "The Man I Love" und "Summertime" raubten einem inmitten mancher Bemühtheiten plötzlich den Atem.
Auf dem eigenen Jazz-Album Joni Mitchells sind Herbie Hancock und Wayne Shorter wieder dabei. Die Arrangements aus der Feder von Vince Mendoza - in Besetzungsgrößen zwischen Big Band und Sinfonieorchester - orientieren sich stilistisch an den gefühlvollen Nachkriegsjahren. In dieser luxuriösen Umgebung klingt Joni Mitchell, als hätte sie ihr Lebtag nie etwas anderes gesungen als Jazz-Standards - allerdings mit der Einfühlung einer Dichterin und Komponistin. In den Textzeilen längst verblichener Songschreiber sucht und findet sie mit ihrer von Zigarettenrauch eingedunkelten Stimme allgemein gültige Einsichten in die nie völlig aufzuschlüsselnde (erotische) Natur des Menschen.
Ist ein mit Standards bespieltes Orchesteralbum im Jahr 2000 noch zeitgemäß? Ja, wenn - wie hier - eine überragende Interpretation das Konzept rechtfertigt: Auswahl und Anordnung der Songs folgen in etwa den verschiedenen Phasen einer Liebesbeziehung - vom Verlieben über die Ernüchterung und Trennung bis hin zum Traum vom Neubeginn unter veränderten, gereiften Vorzeichen.
Den Schluss bildet das Titelstück "Both Sides Now", das Joni Mitchell als Fünfundzwanzigjährige schrieb. Darin gelangte sie zur frühen, geradezu sokratischen Einsicht, dass das Leben aus einer fortschreitenden Entlarvung immer neuer (Selbst-)Täuschungen besteht, während die volle Wahrheit uns letztlich verborgen bleibt. Joni Mitchell sieht darin keinen Grund zur Verzweiflung; vielmehr bleibt die Lust am Stellen von Fragen einer der wichtigsten Antriebe - nicht nur ihrer Kunst.

Mátyás Kiss, 09.03.2000



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