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Ludwig van Beethoven

Diabelli-Variationen

Maurizio Pollini

Deutsche Grammophon 459 645-2
(50 Min., 9/98) 1 CD

Warum eigentlich haben wir uns angewöhnt, Haydn, Mozart und Beethoven als "Klassiker" zu bezeichnen? Klassiker, in deren Opern der freien Liebe das Wort geredet wird, in deren Sinfonien die Leidenschaft tobt, kurzum bei deren Musik einem nur schwerlich langweilig wird, haben dieses Etikett eigentlich gar nicht verdient. Nur eine, wahrlich klassische, Tugend haben alle drei Wiener Klassiker gemeinsam: Sie finden immer das rechte Maß. Ihre Kompositionen sind weder zu lang, noch zu kurz, reizvoll genug, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, und doch mit einem Formsinn, der uns unmittelbar berührt.
Maurizio Pollinis Auffassung der "Diabelli-Variationen" will in diesem Sinne klassisch sein: Sie hält das rechte Tempo. Dynamisch verweigert sie sich dem Klischee vom brüllenden Titanen. Sie enthält intime Momente, nie jedoch kitschige (und auch die kann man hier hineindeuteln, wie jüngst der Russe Scherbakow (siehe Rezension). Ihre formale Übersicht (man denke nur an die langezogenen Aufschwünge der vierten Variation - das macht Pollini keiner nach) besticht.
Aber: Auch Klassiker haben ihre Zeit, und die ist unwiderruflich vorbei. Wer ihre Tugenden nachahmen will, liefert nur noch Klassizismus, schöne Form ohne ihren geistigen Gehalt: Diese "Diabelli-Variationen" klingen nach preußischem Schinkel, nicht nach antikem Tempel. Wahre Klassik lebt von Leidenschaft - wie die noch immer maßstabsetzende Beethoven-Ekstase des jungen Friedrich Gulda. Ihr kann Pollini nicht den Rang ablaufen.

Stefan Heßbrüggen, 12.10.2000



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