Responsive image
Ludwig van Beethoven

Klaviersonate Nr. 32 op. 111 u.a.

Wilhelm Backhaus

Orfeo 4 011790 530123
(76 Min., 6/1966) 1 CD

Nach Wilhelm Backhaus' Carnegie-Hall-Auftritt im Jahr 1954 schrieb der amerikanische Pianist Abram Chasins: "Backhaus war eine scheue, ungekünstelte, verinnerlichte Persönlichkeit, deren sensationelle Fähigkeiten so unsensationell dargeboten wurden, dass das Laienpublikum keine Ahnung von seinen sagenhaften Talenten besaß." Wie wahr. Selbst die wirklich ungeheuerliche Aufnahme der Chopin-Etüden von 1927, die Backhaus' Technik auf einer Lhevinne/Horowitz-Höhe zeigt, wirkt leichthändig und unaufwändig.
Man kann sich nicht unmittelbar für Backhaus begeistern wie für Rubinstein, den anderen alten Granden, der bis übers achzigste Jahr hinaus konzertierte. Aber wenn man den hier veröffentlichten Mitschnitt von 1966 hört – da war Backhaus zweiundachtzig –, kann man ergriffen sein vor Deutungen, die den höchsten Grad der Klarheit erreicht haben.
Schon 1954 in New York hatte Beethovens Opus 111 am Ende von Backhaus' Programm gestanden. So war es auch in Salzburg, so sollte es auch in seinem letzten Konzert 1969 in Ossiach sein, doch dort war ihm die Arietta-Entrückung nicht mehr vergönnt. Er musste das Konzert abbrechen. Wenn Backhaus hier die Arietta spielt, hat man sich vielleicht so weit vom Staunen über die eisern-jugendliche Energie des Allegros erholt, zu bemerken, dass Backhaus auf Effekte verzichtet, die selbst bei sachlichen Pianisten wie Gulda zum festen Ausdrucksbestand gehören. Etwa das kleine atmende Innehalten in der vierten Variation, wo die Hände leggieramente in den Diskant streben und die Zweiunddreißigstel so immateriell zu kreisen beginnen. Backhaus kann dies andächtige Atemholen getrost aussparen, wie eigentlich jeden emotionalen, persönlichen Fingerzeig. Wir sind allein mit Beethoven. Doch ist dem späten Werk in dieser zu letzter Reife gebrachten Interpretation eine sanft abgedunkelte Schönheit des Tons zugewachsen, wie sie in Backhaus' Studioaufnahme nicht zu hören ist.

Matthias Kornemann, 30.09.2000



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Am seidenen Faden: Das hatte sich die kretische Königstochter sicher anders vorgestellt. Der schneidige Athener Prinz Theseus, mit dem sie von Zuhause ausgebüchst war, lässt sie auf der erstbesten der zahlreichen griechischen Inseln schlafend am Strand liegen und sticht in See. Dabei hatte sie ihm das Eheversprechen abgeluchst, bevor sie ihm im Gegenzug aus dem Labyrinth des Minotaurus heraushalf – mithilfe eines einfachen Fadens, den dieser beim Gang ins Innere abspulte und beim Weg zum […] mehr »


Top