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Suite Ellington

Rainer Tempel

Jazz’n’Arts/Jazz-network.com 0401
(37 Min., 5/1999, 1/2001, 5/2001) 1 CD

Ein Nachzügler unter den Hommagen zu Duke Ellingtons 100. Geburtstag, und noch dazu ein origineller. Tribute, insbesondere Ellington-Tribute sind eine heikle Angelegenheit. Es dem Olympier mit einer Big Band möglichst getreulich nachzutun, bringt nicht viel angesichts der Tatsache, dass von kaum einem Musiker so viele, kaum zu übertreffende Aufnahmen existieren. Ellingtons unsterblichen Songs, die bereits in unzähligen Interpretationen ausgelotet wurden, zum x-ten Mal von einem typischen Mainstream-Piano-Trio oder einer Sängerin interpretieren zu lassen, und sei es Peterson oder die Bridgewater, wird kaum mehr sonderliches Interesse wecken. Zu abgegrast ist schon das Terrain. Man horcht schon eher auf, wenn ein Instrumentalist, der zugleich selbst Komponist und Arrangeur ist, durch seinen eigenen Ansatz ein neues Licht auf die Stücke wirft.
Ein solcher ist der junge Tübinger Pianist Rainer Tempel, seines Zeichens Arrangementdozent an der Musikhochschule Luzern und Träger des diesjährigen Jazzpreises Baden-Würtemberg. Er hätte seine Big Band einsetzen können und tat es wohlgemerkt nicht. Tempel verleiht allein schon durch die Besetzung seines Klangkörpers - ein Klaviertrio, eine Streichquintett und die Solotrompete Claus Stötters - den sechs Klassikern aus der Feder von Ellington und seines „rechten Armes“ Billy Strayhorn neue Klangfarben.
Ein semiklassischer Einleitungssatz aus der Feder Tempels macht gleich zu Beginn klar, dass es auch kein Album im Sinne der legendären „Duke Ellington’s Jazz Violin Session“ ist. Die Streicher sind keine improvisierende Jazz-Solisten, sondern klassische Musiker. Das Streichquintett wird wie ein klassisches Ensemble begleitend und kontrastierend zum Jazz Quartett eingesetzt. Das Ergebnis ist trotzdem homogen; oder vielleicht gerade deshalb, weil jeder Musiker innerhalb seiner Sphäre bleiben darf und sich nicht verbiegen muss. So haben die Streicher ausgerechnet in „It Don’t Mean A Thing“ ein Zwischenspiel, in dem sie eindeutig nicht swingen, aber das Motiv des Themas fast in der Art eines Fugatos verarbeitet wird. Die 32-taktige Chorus-Form wird durch solche Passagen der Streicher ebenso immer wieder durchbrochen wie die übliche Sandwich-Form.
Das letzte Stück, „In A Sentimental Mood“, fällt als live eingespieltes Duo-Stück aus dem Rahmen. Eigentlich hätte man sich an dieser Stelle noch ein abschließendes Tempel-Original erwartet. Daher empfindet man ausgerechnet Strayhorns „Lush Life“ - ein Stück, das Ellington nicht wirklich mochte und so gut wie nie aufs Programm setzte - als Abschluss der Suite. Dieses „Lush Life“, sonst eine wehmütige Ballade, kommt hier ungewohnt tänzerisch und wohlgemut daher. Wenn man daran denkt, wie viele Arrangeure hier der Versuchung nicht widerstanden hätten, das Stück mit süßlichen „lush strings“ zu verkleistern, freut man sich über Tempels guten Geschmack.

Marcus A. Woelfle, 05.09.2002



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