Responsive image
Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten opp. 13, 27/2, 28. 53, 57, 81a, 106 (Pathétique, Mondschein, Pastorale, Waldstein, Appassionata, Hammerklavier)

Artur Schnabel

Pearl/Helikon 7 27031 00042 6
(156 Min., 1933 - 1935) 2 CDs

An Denkmälern geht man ehrfürchtig vorüber, doch wer da auf dem Sockel steht, weiß man oft nicht mehr so ganz genau. Artur Schnabels Beethoven-Gesamteinspielung ist so ein Denkmal der Klaviergeschichte. Fast siebzig Jahre steht es nun da. Doch eine historisch überholte Stätte an der inzwischen weiterbeschrittenen Straße interpretatorischen Fortschritts, allenfalls für Klangarchäologen interessant, ist sie keineswegs. Mögen Schnabels Zeitgenossen verschreckt gewesen sein von der Phrasierungs-Pedanterie seiner Beethoven-Ausgaben, von furchtbar gescheitem Theoretisieren, sein Spiel begeisterte dann immer mit seiner überwältigend impulsiven Spontaneität, als befreie sich da ein wildes Temperament der analytischen Fesseln.
Wer noch nie einen Ton von Schnabel gehört hat, wird sich wundern über das unbändige Ausschreiten des ersten Satzes der "Pathétique" oder des "Mondschein"-Finales, über den hetzenden Wahnwitz der "Appassionata". Doch niemals wird ein Motiv um seiner "Interessantheit" willen überhitzt, niemals produziert sich Schnabel als Emotions-Schauspieler. Bei ihm sitzt jeder Akzent notwendig an seinem Platze. Noch die absurd hechelnde Raserei, mit der er die Metronomangaben der Hammerklaviersonate verwirklicht, durchzieht ein eiserner Faden logischen Kalküls. Darum auch ist das (Wieder-)Hören Schnabels ein doppeltes Abenteuer. Dem erregenden Erlebnis jener Ausdrucksweite zwischen Eruption und tiefer Andacht folgt das Eindringen in die kompakten Fundamente lebenslanger Beethoven-Analyse.
Meine Lieblings-Aufnahme ist immer die "Pastorale" op. 28 gewesen. Wer hier zuviel "will", dem wird das wunderbar dissonante Schweben ihres Beginns entgleiten. Schnabel aber konnte nicht nur eruptiv steigern, er konnte jähem Gestaltungsdrang auch durchaus widerstehen. Der Kopfsatz ist ganz warm durchpulstes Fließen, sein Ton ist singend und voluminös. So lauscht er den weichkonturierten Themen mit einer ernsten Lässigkeit nach und kommt dabei ohne schleichende Tempi und verhuschte Klangflächen aus. Wer konnte das so spielen? Allenfalls noch Sofronitzki vielleicht.
Ein Wort zum Klangbild: Die Pearl-Aufnahmen lassen viel mehr Hintergrundrauschen hören als die CD-Überspielungen der EMI, so als habe man elektronisch weniger reinigend eingreifen wollen. Das Klavier aber klingt scheppernder, metallischer als in den EMI-CDs. Noch polierter sind die CDs der "Piano Libary". Wer sich für Schnabel interessiert, sollte vergleichen, welche Aufbereitung ihm besser gefällt. Für mich sind die alten HMV-LPs unschlagbar.

Matthias Kornemann, 07.12.2000



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Mit Leidenschaft: Zwischen Beethoven- und Schumann-Haus in der Bonner Brahmsstraße aufgewachsen – damit ist das Programm von Fabian Müllers neuer CD umrissen. Unter dem Titel „Passionato“, entlehnt von Ludwig van Beethovens Dauerbrenner-Klaviersonate und Expressivitätsgipfelwerk, bricht sich hier die Erregung, ja gar die aufgestaute Corona-Wut Bahn. In auftrittsarmen Zeiten bleibt freilich nur der diskografische Weg zum Ausdruck des eigenen Pianisten-Ichs. Es würde aber auch nicht […] mehr »


Top