"Alle Menschen werden Brüder" fordert zwar nicht Bethovens Missa solemnis, wohl aber seine Neunte Sinfonie. Was die Botschaft und das Ethos angeht, die Beethoven beiden Werken einkomponierte, so findet sich allerdings grundsätzlich kein Unterschied zwischen christlicher und weltlicher Musik. Genau genommen ist die "Feierliche Messe" natürlich auch gar kein Sakralwerk, sondern ein sehr säkularisiertes Stück Kirchenmusik.
Dass dieses außerdem vor allem sinfonisch konzipiert ist, darf man als Grund-Idee dieser Einspielung durch David Zinman und das Tonhallen-Orchester Zürich annehmen. Das sinfonische Konzept und zumal das, was Musikwissenschaftler als Durchführung, also als Verarbeitung des vorgegebenen thematischen Materials bezeichnen, steht hier im Vordergrund.
Wie schlüssig, wie durchsichtig und wie temperamentvoll Zinman dabei sein Orchester führen kann, hat er schon bei seiner Gesamt-Einspielung von Beethovens Sinfonien bewiesen. Doch hatte er es da (fast) ausschließlich mit Instrumenten zu tun. Hier scheitert das lobenswerte Bemühen Zinmans um Tempo und plastisches Musizieren am Nicht-Instrumentalen. Sprich: Weder der insgesamt gut singende, wenngleich nicht immer ganz homogen wirkende Schweizer Kammerchor noch die Solisten, die so recht nicht zusammen kommen wollen, vermögen seinem dynamischen Zugriff ganz zu folgen.
Auch Zinmans Bemühen um Durchsichtigkeit entsprechen sie durchaus nicht immer. Dass das Werk eine Messe ist: ja, das haben sie begriffen und wollen sie darstellen. Dass es eine Messe ist, die sich den Gesetzen der absoluten Musik unterordnet, erhellt diese Aufnahme jedoch nicht. Ein Einzelfall ist das allerdings nicht. Ich kenne jedenfalls nicht eine vollends gelungene Einspielung der Missa solemnis. Und frage mich gelegentlich, ob womöglich auch das partielle Scheitern seiner Darbietungen diesem Werk einkomponiert ist. Sein Zwitter-Charakter immerhin könnte dies nahe legen.

Susanne Benda, 07.02.2002



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