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Strange Place For Snow

Esbjörn Svensson-Trio

ACT/Edel Contraire 9011-2
(68 Min., 12/2001) 1 CD

Das E.S.T. ist schon ein merkwürdiges Klaviertrio: Es gelingt ihm, mit einer der abgenutztesten Besetzungen des Jazz die Hörerwartungen zu unterlaufen. Gewiss: Das Hymnisch-Himmelstürmende hat Esbjörn Svensson von Keith Jarrett übernommen, aber seine Wurzeln sind ganz andere: Nicht die Harmonien der Jazzstandards oder des Blues haben ihn geprägt, sondern die der Singer/Songwriter aus der Popmusik, die meist von der Gitarre herkommen. Das hört sich dann wirklich manchmal so an, als hätte Svensson Gitarrenmusik auf das Klavier übertragen - oder als finge gleich jemand zu singen an.
Was man dem Trio zu Gute halten muss, ist die Ehrlichkeit, mit der seine Mitglieder zu der Musik stehen, die sie als Jugendliche hörten und sicher auch nachspielten. Dabei nehmen sie den spieltechnischen und improvisatorischen Anspruch des Jazz ernst, machen aber weiter kompromisslos ihre eigene Musik. Die drei sind Virtuosen auf ihren Instrumenten, scheuen aber bei der Abmischung nicht davor zurück, auf Produktionsmethoden der Popmusik zurückzugreifen - wie akustische Klänge zu verfremden oder eine Live-Aufnahme mit zusätzlichen Effekten anzureichern.
Dabei konzentriert sich Svensson auf seinen Flügel; elektronische Keyboards benutzt er vorwiegend, um eine bestehende Atmosphäre zu intensivieren. Dan Berglund zeigt, wie sanglich er auf dem Bass phrasieren kann, und Magnus Öström geht auf eine innovative Art mit den Jazzbesen um: Statt sie dezent auf der Snaredrum zu bewegen, klopft er mit ihnen (oder Paukenschlägeln) auf dem ganzen Schlagzeug schnelle Rhythmen, die weder mit Rock noch Jazz viel zu tun haben, aber eine große Intensität schaffen.
"Atmosphäre", "Sanglichkeit" und "Intensität" sind die Stichworte, will man umschreiben, wie enorm sich das E.S.T. seit seinen Anfängen entwickelt hat: Noch vor fünf Jahren konnte man die jungen Schweden als Sonderlinge abtun, die vom Jazz träumten, aber Rock spielten - was die Popfans, die zu ihren Konzerten kamen, natürlich nicht weiter störte. Inzwischen ist der Begriff "E.S.T." zu einem Gütesiegel geworden, einer diskreten Drei-Mann-Revolution, die im europäischen Jazz nicht folgenlos bleiben wird.

Mátyás Kiss, 04.04.2002



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