Das macht neugierig: Jahrelang nahm Joshua Bell fast nur amerikanisches Repertoire auf und widmete sich zwischendurch der Filmmusik, und nun kommt er mit den europäischsten Schlachtrössern der Violinliteratur daher. Und die Einspielung überzeugt durchaus.
Kenner werden schnell bemerken, dass Norrington und Bell vor allem durch Tempokontraste in den großen Formteilen den Werken einen dramatischen Anstrich geben: So erklingt zum Beispiel das zweite Thema im ersten Mendelssohn-Satz (Holzbläserstelle) sehr langsam als "Adagio-Insel", wodurch Assoziationen an romantisches Träumen frei werden. Auch Beethoven haben die Interpreten auf solche Stellen abgeklopft - so etwa in der Durchführung im ersten Satz.
Bei minder begabten Interpreten hätte das wie Showeffekt oder Kitsch gewirkt, doch diese Einspielung ist viel zu transparent und voller kernigem Drive, als dass solche Assoziationen aufkommen können. Trotzdem gelingt es Bell, selbst dem heroischen Beethoven-Konzert so etwas wie Unterhaltung abzuringen; der Schuss Broadway, den ich da vermute, ist jedoch nicht objektiv festzumachen.
Auffallend ist der Ton von Bells Geige, der durch die starke aufnahmetechnische Präsenz des Solisten ins Ohr sticht: Manchmal ist der Klang so gleißend wie das Laserschwert Luke Skywalkers. Die überraschenden Kadenzen zu beiden Konzerten stammen von Bell selbst.

Christoph Braun, 30.05.2002



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